Hörbuch der Stunde

Wie die Literatur durch das Ohr ins Herz gelangt

Feuilleton | KIRSTIN BREITENFELLNER | aus FALTER 03/16 vom 20.01.2016

Kann man 54 Stunden Literatur in einer überschaubaren Zeit hören? Wenn man einmal -etwa durch die 54 CDs, auf denen Ulrich Noethen 2009 den immer noch besten Roman des 19. Jahrhunderts, Tolstois "Krieg und Frieden", für den Audio Verlag so unvergesslich einlas -angefixt wurde, dann auf jeden Fall.

Denn Hören hat gegenüber dem Lesen nicht nur den Vorteil, dass man Augen und Hände frei hat, sondern vor allem jenen, dass man sich die gedrechselten oder glasklaren, die Wahrheit umspielenden oder ins Schwarze treffenden Sätze der großen Literatur von einer geschulten Stimme direkt ins Herz lesen lassen kann. Und das kann süchtig machen.

Der Hörverlag gestaltet seine Box "Höredition der Weltliteratur" übersichtlicher, indem er 54 Stunden Weltliteratur auf zehn MP3-CDs presst. Das macht die Titelauswahl auf manchen Abspielgeräten schwierig. Aber es ist sowieso besser, sich die Zeit zu nehmen, einfach alles von vorne bis hinten zu hören. Wer gut hört, hat mehr Zeit zum Fühlen. Sprecher wie Gert Westphal, Juliane Köhler oder Dieter Hildebrandt fügen dem Gelesenen Interpretationen hinzu und sie entdecken Nuancen, über die man vielleicht hinweggelesen hätte.

Dieser akustische Kanon der Weltliteratur legt den Schwerpunkt auf europäische und amerikanische Autoren des 19. Jahrhunderts, von Hans Christian Andersen bis Émile Zola. Neben Hauptwerken wie Goethes "Die Leiden des jungen Werther" befindet sich Unbekannteres wie Dostojewskis Erzählung "Das Krokodil", in der sich der große Moralist von seiner komischen Seite zeigt.

Die ältesten Aufnahmen -Erzählungen von Anton Tschechow -in dieser Box mit umfangreichem Begleitbuch stammen aus dem Jahr 1954, die jüngsten, wie Jane Austens "Drei Schwestern", von 2015. Sie kommen zum Großteil aus erst seit kurzem zugänglichen Radioarchiven und zeigen sich aus historischen Gründen männerlastig, sowohl bei den Autoren als auch bei den Sprechern. Aber gute Literatur kennt ja bekanntlich kein Geschlecht.


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