Tiere

Jahrmarkt

Peter Iwaniewicz fragt sich, ob es auch eine Gesellschaft fremdsprachiger Libellenforscher gibt

Falters Zoo | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016


In den trüben Gewässern der Nachrichtenagenturen fischend, wurde ich vom Duft dieser Presseaussendung angelockt: „Sand ist Gestein des Jahres 2016“. Bislang dachte ich, dass man ein bisschen kompakter gebaut sein müsste, um mit Stein angesprochen werden zu dürfen. Aber der diese Jahreswidmung vergebende Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler weist darauf hin, dass jedes Sandkorn auch ein bröckelnder Fels in der Brandung der Weltwirtschaft ist und somit auch eine „bedrohte Spezies“ darstellt. Im Unterschied zu Tieren und Pflanzen wächst Sand nämlich nicht nach, wird aber in so großen Mengen wie kein anderer Rohstoff für Bauten, Glas, Solarzellen und Mikrochips gebraucht. Wenn das so weitergeht, wird der Berufsverband der Metaphernschleuderer bald das Aussterben der Redewendung „wie Sand am Meer“ vermelden müssen.

Was gibt es sonst noch für Jährlichkeiten auf den ernennungswütigen „Natur des Jahres“-Seiten der Naturschutzbünde? Zum Beispiel die Gemeine Binsenjungfer. Wieso man mehrere Gruppen der wunderbaren männlichen wie weiblichen Libellen mit so einer ältlichen, abwertenden Nachsilbe versieht, ist unklar. Völlig klar hingegen ist der Zusammenhang zwischen dem Bestandsrückgang dieser Tierart und dem Klimawandel, denn die Binsenjungfern brauchen Gewässer mit stabilem Wasserstand.

Die Kategorie „Insekt des Jahres“ ist nicht für spitzfindige Menschen, die gerne anmerken, dass Libellen doch wohl auch Insekten seien. Hier wirken höhere Mächte, und zwischen den Mundwerkzeugen des Bundesfachausschusses Entomologie und der Gesellschaft deutschsprachiger Odonatologen möchte wirklich niemand zerrieben werden. Diesjähriges Insekt ist jedenfalls der Dunkelbraune Kugelspringer. Das begrüße ich aus mehreren Gründen. Primo: Dieser winzige Bodenbewohner lässt sich nicht wie eine kapitolinische Gans vor den Karren der Erderwärmung spannen und erfüllt mit seinem kugeligen Körper und dem schütteren, langen Haar keine gängigen Schönheitskriterien. Ein bodenständiges Lebewesen wie die meisten von uns. Secundo: Die Männer zeigen vorbildliche sexuelle Umgangsformen. Nach kurzer Balz setzen sie ihr Sperma auf langen Fäden am Boden ab. Die Kugelspringerfrauen gehen daran vorbei und nehmen bei Interesse das Paket mit ihren Geschlechtsöffnungen auf. Was übrig bleibt, putzen die Männer weg. So geht Zivilisation!


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