Selbstversuch

Ich glaube, Gaby Hoffmann hat das auch

Doris Knecht lächelt

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016

Ständig fragen mich Leute, ob ich sauer bin, ob es mir nicht gut geht, ob mir eine Laus über die Leber gelaufen sei. Erst neulich wieder, nach dem Filmpreis, um drei Uhr früh, als ich mit dem FF noch auf einen Gin Tonic im Europa war. He, du schaust so genervt. Ich war überhaupt nicht genervt, ich war ganz fröhlich und leichtköpfig von einem schönen Abend mit feinen Leuten, gutem Wein und exzessivem Tanzen. Ich dachte nur gerade einen Moment intensiv darüber nach, wie lange ich eigentlich die wunderbaren Burschen von Naked Lunch schon kenne, und Nachdenken hat auf mein Antlitz leider eine beklagenswerte Wirkung.

Es ist, wie immer im Zusammenhang mit persönlichen Defiziten, unendlich beruhigend, wenn man feststellt, dass andere, viele andere, das auch haben, so viele, dass es dafür einen Ausdruck gibt. Halleluja! Danke! Denn derlei hebt das Problem von der individuellen Versagerebene auf ein allgemeines Niveau, idealerweise handelt es sich sogar um ein anerkanntes Leiden, für das es Symptome, ein Krankheitsbild und eine Forschung gibt.

In diesem Fall jetzt nicht, aber immerhin hat das grantige Gschau einen Namen. Resting Bitch Face, gefällt mir jetzt nicht so gut, dennoch bin ich froh, dass es das gibt. Es bedeutet, dass die Natur einem eine Mimik zugeteilt hat, die im unkontrollierten und eigentlich neutralen Ruhezustand den Ausdruck völliger Freudlosigkeit, Frustration, Genervtheit und radikaler Lebensunlust zeigt.

Das mag wie ein marginales Problem klingen, aber es ist ganz schön unangenehm, wenn man eigentlich nur irgendeinen völlig undeprimierenden Gedanken denkt und dabei so unglaublich frustriert dreinschaut, dass die Leute auf die andere Straßenseite wechseln. Mit frustrierten Leuten hat ja niemand gern zu tun, und mit frustrierten Frauen speziell nicht. Aber ich bin gar nicht frustriert! Überhaupt nicht! Mir geht es gut! Ich habe nur nachgedacht. Und ich habe ein RBF, ich kann nichts dafür.

Ich glaube übrigens, Gaby Hoffmann hat das auch. Ich bin ein großer Fan von Gaby Hoffmann (und von Gaby Hoffmanns Haaren und von Gaby Hoffmanns Augenbrauen), die sich, wie ich glaube, seit ich sie in ein paar Talkshows gesehen habe, weder für "Girls" noch für "Transparent" sonderlich verstellen musste, obwohl sie natürlich eine saugute Schauspielerin ist.

Jedenfalls absolviere ich seit Monaten ein intensives, ergebnisorientiertes Gesichtsmuskeltraining, das mir letztlich ein permanentes, etwas bescheuertes Gaby-Hoffmann-breites-Lächeln in mein Gesicht einmeißeln soll. Weil: Lieber bescheuert aussehen oder wie die Anhängerin einer 24/7-illuminierten Lächelsekte am Freudepfad. Und erstens heißt es, dass etwas, das man 68 Tage hintereinander tut, zur Gewohnheit, zweitens, dass man schon allein vom Lächeln glücklicher wird.

Ich lächle jetzt, wenn möglich, immer. Beim Duschen, beim Autofahren, im Schlaf. Und jetzt auch, merken Sie es.


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