Film Neu im Kino

Dystopie im Miniaturformat: "Anomalisa"

Lexikon | Eva Kleinschwärzer | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016

Der Film "Anomalisa" von Charlie Kaufman ist eine Puppenanimation und erschafft eine hyperreale Welt, die wir aus der Sicht von Michael Stone erleben, eine wandelnde Zeitdiagnose moderner Gesellschaftsverhältnisse.

Die Figuren, die einem hier begegnen, sind keine beseelten Wesen, sondern kühl lächelnde Personen einer Dienstleistungsgesellschaft, die sich nach dem Wohlbefinden erkunden und dabei Distanz wahren. Konsequenterweise spielt der Film an den Nicht-Orten eben dieser Lebenswirklichkeiten - am Flughafen, im Straßenverkehr, im Hotel mit seinen endlos langen Korridoren gleicher Türen. Michael Stone, ein Max Mustermann dieser Gesellschaft, durchwandert diese anonymisierte Welt und leidet darunter, obgleich auch er selbst ein Teil davon ist: Als prominenter Motivationstrainer optimiert er Abläufe im Kundenservice. Man solle sich jeden Menschen in seiner Singularität bewusst machen, mit eigener Geschichte, eigenen Gefühlen, eigenen Gedanken, referiert Michael Stone bei einem Vortrag und meint damit Kommunikation ganz im unternehmerischen Sinne, eine bloße Kalkulation, die es auf eine Leistungssteigerung von exakt 90 Prozent absieht - der Mensch als berechenbare Ziffer.

Und genau so nimmt Stone diese Welt wahr. Die Puppen, mit denen gearbeitet wurde, haben alle das gleiche Gesicht und sprechen mit der gleichen Stimme. Eine sinnbildliche Umsetzung von Norm also, aus der Michael Stone ausbrechen will. Ein Moment, in dem dies plötzlich möglich erscheint, ist die Begegnung mit Lisa oder, wie er diese hoffnungsvoll nennt: Anomalisa. Doch am Ende wird klar, dass auch deren Besonderheit eine ist, die nur kurz aus der homogenen Masse herausragt, bevor sie wieder eingeebnet wird und Michael Stone auf sich selbst zurückwirft.

Bereits im Kino (OmU im Filmhauskino am Spittelberg)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige