Im Zweifel für die Holzklasse

Nächste Woche wird es wieder verteilt: das Semesterzeugnis. Es entscheidet über Gymnasium oder Mittelschule. Doch es ist ein höchst untaugliches Instrument

Plädoyer: Sibylle Hamann | Stadtleben | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016


Illustration: Jochen Schievink

Illustration: Jochen Schievink

In Hogwarts teilt ein Sortierhut die Kinder den verschiedenen Schulhäusern zu: die Mutigen nach Gryffindor, die Schlauen nach Ravenclaw, die Lustigen nach Hufflepuff, die Bösen nach Slytherine. Der Hut spürt irgendwie, wohin welches Kind gehört.

In Österreichs Schulsystem dient zu diesem Zweck ein schlichter weißer Zettel, Format A4, normales Papier. Kein amtliches Dokument, kein Wasserzeichen. Es ist nicht einmal ein richtiges Zeugnis. „Schulnachricht“ steht drauf, vierte Schulstufe. Geburtsdatum, Religionsbekenntnis, Fächer von Religion und Sachunterricht bis „Bewegung und Sport“. Darunter die Unterschrift der Klassenlehrerin.

Die Kinder, die diesen Zettel nächsten Freitag in die Hand bekommen, sind im Durchschnitt neuneinhalb Jahre alt. Tausende Eltern und tausende Volksschullehrerinnen und einige wenige -lehrer haben deswegen in den vergangenen Monaten schlecht geschlafen. Denn mit diesem Zettel fällt die folgenschwerste Entscheidung im Verlauf jeder Wiener Bildungsbiografie: Gymnasium – ja oder nein. Mit Einsern oder Zweiern in Deutsch und Mathematik ist man dabei. Mit einem Dreier in einem der beiden Fächer ist man so gut wie draußen. In Wien steht die Chance ungefähr 50:50.

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