Enthusiasmuskolumne Diesmal: der beste Musikfernsehsender der Welt der Woche

Video Killed the Music Star

Feuilleton | Birgit Wittstock | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016

Musikfernsehen ist tot. Seit langem. Das Sterben begann Mitte der 1990er-Jahre, als die Mutter aller Musik-TV-Kanäle MTV anfing, sukzessive Reality-Schmus ins Programm zu schleusen. Heute ist man fast schon schockiert, wenn dort ein Videoclip läuft. Youtube hat dem Musikfernsehen dann sowieso den Todesstoß verpasst. Dort erspart man sich lange Werbeeinschaltungen und schlechten Sound von Musikern, die man weder hören noch sehen will.

Aber gerade diese Zwangsbeglückung machte den eigentlichen Charme aus: dass man Videos vorgesetzt bekam, die man sonst wahrscheinlich nie gesehen hätte. Deshalb huldigen wir an dieser Stelle der MTV-Tochter VH1, der musikalischen Zeitmaschine im Kabelfernsehen.

Sendungen wie "Classic Power Ballads","We Are the 80s" und "The Rock Show" sind großes nostalgisches Gefühlskino - zumindest für in den 1970er-Jahren und davor Geborene: eine Mischung aus unfreiwilliger Komik, haarsträubenden Dramaturgien und erlesen schlechtem Geschmack, der sich vor allem in den gigantischen Föhnmähnen und theatralischen Posen diverser Glam-Rocker und Synthie-Popper manifestiert. Das eigentlich Fantastische ist, dass Musik damals noch von echt wirkenden Menschen gemacht wurde. Einen Keith Richards, dem im Video zu "It's Only Rock 'n'Roll" ein Vorderzahn fehlt und der völlig breit in die Kamera grinst, gab es ab Beginn der 90er nicht mehr. Bis dahin konnte man auch als schiacher oder zumindest durchschnittlich aussehender Musiker zum Popstar werden. Aber die Zeiten der optischen Normalos wie Stevie Wonder, Elton John, Tina Turner und Co sind längst vorbei.

Wer also eine Pause von singenden Topmodels, aufwendigen Choreos und gelackten Boygroups braucht, schalte ein.


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