Die Seele, eine tote Landschaft: Vom Berg in die Psychiatrie

Feuilleton | Theaterkritik: Sara Schausberger | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016

Während bei Arthur Schnitzler die Seele noch ein weites Land war, ist sie beim oberösterreichischen Autor Thomas Arzt nur noch ein totes Gebirge. Die karge Gebirgslandschaft, in der die Geschwister Raimund und Josefine vor vielen Jahren wandern waren, ist titelgebend für das Stück, das in einer Psychiatrie irgendwo in Wien spielt. Vor ihren Toren wird Raimund Woising (Ulrich Reinthaller) im Schnee entdeckt. Mit hängenden Schultern und einem Eispickel in der Hand steht er da und wird in die trostlose, schäbige Anstalt aufgenommen.

Die Wände der Drehbühne im Theater in der Josefstadt sind mit schmutziggelbem Schaumstoff ausgepolstert (Bühne: Miriam Busch), wie man ihn zur Schallisolierung verwendet. Als würde man die Geräusche nicht nach außen dringen lassen wollen. Alles ist trostlos hier! Der rothaarige Nepomuk Elm (Stefan Gorski) wird ans Bett gebunden und der depressive Raimund mit Lithium vollgepumpt.

"Totes Gebirge" ist dennoch mehr Komödie als Tragödie. Witzig wird es nicht nur, wenn der sanftmütige Emanuel Loser (Roman Schmelzer) sich in Raimunds Schwester Josefine Schönberg (Maria Köstlinger) verliebt, sondern auch wenn das Ensemble Dialektlieder singt, in denen es zum Beispiel heißt: "Sglick is a gspusi. Sglick is a spü. Sglick is a luada. Des mocht, woses wü." Schade nur, dass die tolle, volkstümlich angehauchte Musik der Band Franui nur vom Band kommt.

Arzts hervorragender Text ist gespickt mit Anspielungen: Raimund hat "den ganzen verhassten Biedermeier zerstört" und auch die anderen Figuren sind nach historischen Vorbildern und den Gipfeln des Toten Gebirges benannt. Die Regisseurin Stephanie Mohr bebildert diese Zusammenhänge unnötigerweise auf der Bühne auch noch.

Es wäre durchaus wilder und anarchischer gegangen, trotzdem ist "Totes Gebirge" eine Besteigung wert.

"Totes Gebirge": Theater in der Josefstadt, nächste Vorstellung am 3.2.


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