Stadtrand Urbanismuskolumne

Reservierte Leben: Ich besetze, also bin ich

Lukas Matzinger will nicht darüber nachdenken, wann und wo er morgen Hunger haben wird

Stadtleben | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016

Ein leeres Gasthaus, ein Wochentag, vor dem Abend. "Ein Tisch für zwei, bitte." "Tut mir leid, wir sind voll." Das Lokal ist leer. "Ihr seid voll?""Ja voll, alles ausreserviert. Ich kann Ihnen einen Platz an der Bar anbieten oder diesen Tisch, der ist noch 45 Minuten frei." Alles klar, auf Wiederschauen.

Die feinen Wiener Gutsherren und Hofräte reservieren ihre Tische jetzt also. Die Reserviert-Schilder-Hersteller tanzen Samba. Jeder lässt heute offenbar alles und überall besetzen, am besten vier Tische in zwei Restaurants, falls die Begleitung doch noch spontan vegan oder allseits allergisch wird.

Wer, Gott behüte, einfach nur gerade Hunger hat und nicht vorgestern schon gewusst hat, wann und wo er heute Hunger haben wird, für dieses gottverlassene Tier, bleiben Burgerketten und Würstelstandln. Echte Restaurants halten keinen Quadratzentimeter frei für das spontane Proletariat.

Alle Streber müssen Foodies sein, jede Mahlzeit will und muss minutiös geplant werden. Denn leider: Wer in Wien gut essen will, muss es rechtzeitig wissen.


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