Als New York noch ein bigottes Kaff war

Edith Whartons "Zeit der Unschuld" bietet großes Gefühlsund Kostümkino, aber auch sarkastische Society-Satire

Feuilleton | Lektüre: Klaus Nüchtern | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016

Zu Beginn von Buster Keatons "Our Hospitality" (1923) ist eine "historische" Ansicht des Times Square zu sehen: zwei ungepflasterte Fuhrwege, gekreuzt von einem schmalen Pfad: Broadway, 7th Avenue und die 42nd Street anno 1830.

Edith Whartons Roman "Zeit der Unschuld" spielt rund 40 Jahre später, und in Manhattan steht mittlerweile ein Opernhaus, aber ein Dorf ist der Small Apple allem Anschein nach geblieben: "Die New Yorker Gesellschaft war in jener Zeit viel zu klein und das Unterhaltungsangebot viel zu dürftig, als dass nicht jeder (einschließlich der Mietstallbesitzer, Butler und Köche) genau gewusst hätte, an welchen Abenden welche Personen Zeit hatten."

Die bedauernden Absagen, die bei den Mingotts eintreffen, nachdem sie zu einem festlichen Dinner zu Ehren von Ellen Olenska eingeladen haben, sind also allesamt Ausflüchte - erlogen, weil man mit der "armen Ellen", als welche sie gerne apostrophiert wird, nichts zu tun haben möchte: Ihr Gatte, ein ebenso reicher wie ruchloser


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige