Concierge!

Das sympathischste Hotelprojekt der Stadt hat jetzt auch ein Lokal

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 04/16 vom 27.01.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Die Urbanauts waren und sind das tollste Hotelprojekt der vergangenen zehn Jahre in Wien: 2011 begannen drei Architekten von Kohlmayr Lutter Knapp damit, leerstehende Gassenlokale rund um den Sankt-Elisabeth-Platz im vierten Bezirk zu Hotelzimmern umzugestalten, mit einer Prise Nachnutzungsästhetik und eingebunden in die Grätzel-Infrastruktur, also mit Café im Kaffeehaus und Wellnessbereich im Hamam ums Eck. Das fing mit einem Zimmer „Die Schneiderin“ an, bald waren es fünf, und vergangenes Jahr fusionierten die Urbanauts mit der Grätzl Betriebs GmbH, einer Gruppe von Hoteliers mit einem ähnlichen Konzept. Mittlerweile hat man auf der Wieden, am Meidlinger Markt und rund um den Karmelitermarkt immerhin schon 16 Zimmer und Suiten.

Und seit Dezember auch ein Lokal. In Blickweite des Karmelitermarktes, aber halt nicht am Karmelitermarkt (was man mittlerweile ja leider als Pluspunkt sehen muss) in einem ehemaligen Geschäft für Lampenschirme, dessen Altbestände gestalterisch gleich genutzt wurden, ebenso wie der sagenhaft schöne Hobeltisch, ein alter Tresor und ein Apothekerregal, die den Grätzel-Urbanauts vom Vorbesitzer überlassen wurden.

Sagen wir so: Man sieht dem Café namens Zur Rezeption nicht wirklich an, dass es auch die Rezeption und das Frühstückslokal der sieben Zimmer in den Gasserln rundherum ist, und deshalb gibt es auch absolut keine Hemmschwelle für Passanten, Grätzelbewohner oder andere Nicht-Hotelgäste, da reinzugehen. Viel Glas, viele Pölster, kuscheliges, adrettes und sehr intimes Flair – es zieht einen förmlich rein.

Ebenso wie bei der Atmosphäre setzen die Urbanauts auch bei der Speisekarte ein bisschen aufs Zu-Hause- und Gute-alte-Zeit-Gefühl: Es gibt russisches Ei, es gibt Toast Hawaii, Grießnockerlsuppe, Krautfleckerln, gestürzten Scheiterhaufen, Reisauflauf mit Himbeersaft (wo bitte bekommt man sonst noch Reisauflauf mit Himbeersaft?!?) und Buchteln, die allerdings nur am Donnerstag. Die Grießnockerlsuppe war übrigens großartig (€ 4,20), das russische Ei war mit Mayonnaise, Lachskaviar und Seehasenrogen vielleicht ein bisschen sehr klassisch angelegt, da könnte ein kleines Update vielleicht nicht schaden (€ 5,90). Der Vogerlsalat ist dank reichlich geröstetem Speck, großartigen Erdäpfeln und zwei Butterbroten auch ziemlich mächtig, das feine, nussige Sonnenblumenkernöl lässt sich der Küchenchef aus seiner Kärntner Heimat bringen (€ 5,90). Übrigens ebenso wie die „Faustnudeln“, die deshalb so heißen, weil es sehr gut ihre Größe beschreibt, in der Variante mit Schweinsbraten und Selchfleisch übrigens grandios (€ 13,90). Dass es hier frühstücksmäßig ordentlich zur Sache geht und das vor allem mit Schanigarten dann ziemlich super werden wird, ist klar. Beim Kaffee sollte man noch etwas zulegen.

Resümee:

Auch so kann ein Hotel-Café aussehen – gemütlich, offen, preiswert und mit ein bisschen Ironie ausgestattet. Und mit Reisauflauf.

Zur Rezeption,
2., Große Sperlg. 6
Tel. 01/890 58 56
Sa–Di 9–18, Mi–Fr 9–23 Uhr
www.graetzlhotel.com


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