"Am Theater sind alle Maniacs"

Der Schauspieler August Diehl gibt im Akademietheater einen vermeintlichen Vergewaltiger

Lexikon | Interview: Sara Schausberger | aus FALTER 05/16 vom 03.02.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Der für seine extremen Charakterdarstellungen bekannte deutsche Schauspieler August Diehl spielt in Andrea Breths Inszenierung von John Hopkins „Diese Geschichte von Ihnen“ den vermeintlichen Kinderschänder Baxter; in einer brutalen Verhörszene wird er von einem Polizisten erschlagen (siehe Kritik auf Seite 12).

Diehl ist am Theater und im Film gleichermaßen erfolgreich. Er drehte mit Quentin Tarantino „Inglorious Basterds“ und spielte den Hamlet am Burgtheater. Beim Treffen in der Herrengarderobe im Akademietheater kramt der 40-Jährige nach Tabak und Feuerzeug – „ohne geht es nicht“ –, dann kann das Gespräch beginnen.

Falter: Herr Diehl, Sie spielen oft extreme Charaktere. Menschen nahe am Wahnsinn oder Mörder, mit denen man trotz ihrer Taten sympathisiert. Mögen Sie Ihre Rollen immer?

August Diehl: Ja, sonst könnte ich sie nicht spielen. Wenn ich keinen Bezug zu einer Rolle finde, wenn ich sie blöd gesagt nicht mag, dann weiß ich, dass ich nicht gut darin bin.

Komisch wird es bei Ihnen ja kaum.

Diehl: Dabei hätte ich das wahnsinnig gerne. Wenn man mir eine gute Komödie anbietet, bin ich dabei.

Sie spielen in „Diese Geschichte von Ihnen“ einen vermeintlichen Kinderschänder. Wie bereitet man sich auf so eine Rolle vor?

Diehl: Also erst einmal ist gar nicht klar, dass er einer ist. Generell denke ich aber, dass Mörder oder Kriminelle sehr unterschiedlich sind und sich nicht wahnsinnig von den sogenannten normalen Leuten unterscheiden. Ich habe oft in Vorbereitung auf Rollen mit Kriminalbeamten und Psychiatern geredet, und sie sagen einem immer das Gleiche: Es gibt zwar Muster, die sich wiederholen, aber von Tat zu Tat, von Biografie zu Biografie sind Verbrecher verschieden.

Wie gehen Sie dann als Schauspieler an eine Figur heran, der vorgeworfen wird, mehrere Mädchen vergewaltigt zu haben?

Diehl: Es gibt ein ganz bestimmtes Gerüst, an das man sich halten kann: Da ist die Szene, da ist der Partner, da ist die Situation. In diesem Fall ist das ein Verhör. Dann arbeitet man damit, wie man sich fühlt, wenn man etwas zu verbergen hat. Im Kleinen kennen wir das ja alle, eigentlich ist das eine sehr alltägliche Situation. Nur wird hier der Druck extrem groß, es geht um Leben und Tod.

Wichtiger als die tatsächliche Wahrheit scheint es zu sein, dass man einen Schuldigen gefunden hat.

Diehl: Das ist ja eine uralte Geschichte. Die Polizei gerät immer unter Druck, wenn etwas Schlimmes passiert. Nach dieser Silvesternacht in Köln hat man das ja auch erlebt. Unter Druck ist man dann eher dazu verleitet, Fehler zu machen.

Sie sind nach neun Jahren Pause 2012 als Prinz Homburg ans Burgtheater zurückgekehrt. Wie ist es, wieder in Wien zu sein?

Diehl: Schön. Wien ist ganz anders als vor 13 Jahren. Zu der Zeit war alles viel hierarchischer, konservativer und rückwärtsgewandter. Wien ist kosmopolitischer, leichter und weniger arrogant geworden. Es ist nicht mehr so dunkel wie damals. Auch hier Theater zu spielen ist ein großer Luxus, vor allem hier am Akademietheater.

Warum ausgerechnet am Akademietheater?

Diehl: Hier bin ich aufgewachsen. Hier habe ich mit Klaus Michael Grüber „Roberto Zucco“ und mit Luc Bondy „Die Möwe“ gemacht, zwei sehr besondere Abende, die ich nie vergessen werde. Beide leben nicht mehr. Jetzt bin ich 40, und plötzlich sterben all diese Leute. Dieses Schicksal ist aber unvermeidlich, wenn man sehr früh angefangen hat, mit einer älteren Generation zu arbeiten.

Was kann das Theater, was der Film nicht kann?

Diehl: Am Theater ist es gewünscht, dass man sich lange Zeit ausprobiert. Ich lerne für mich als Schauspieler bei einer Theaterarbeit ungefähr so viel, wie ich in drei Filmen lerne. Im Film ist man nur ein kleiner Teil von vielen, das Bild, der Schnitt, die Musik sind mindestens genauso wichtig wie die Darsteller. Es gibt hunderte grandiose Filme mit mittelmäßigen Schauspielern, aber keine einzige gute Theateraufführung mit schlechten Schauspielern.

Wie war es, mit Tarantino zu drehen?

Diehl: Großartig! Gerade mit Quentin hatte das was sehr Theatralisches. Er will etwas von den Schauspielern, was man in deutschen oder französischen Filmen nicht findet. Er will, dass man mehr macht anstatt weniger. Das ist fast schon Oper, das habe ich sehr genossen.

Sind Sie ein Getriebener?

Diehl: Ich glaube, alle, die beim Film und im Theater arbeiten, sind Maniacs. Weil wir unendlich viel Energie in eine Sache stecken, die letztendlich nutzlos ist, aber trotzdem sehr sinnvoll.

Akademietheater, So 19.00, Do 19.30


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