Wien Marathon Matthias Dusinis Lauftagebuch

Zwei Beine für ein Halleluja

Stadtleben | aus FALTER 05/16 vom 03.02.2016

Als auf der Falter-Weihnachtsfeier die Idee geboren wurde, dass Anfänger einen Marathon machen, dachte ich an ein situationistisches Kunstprojekt. Die französische Avantgardegruppe stellte absurde Regeln auf, die dann auch wirklich befolgt wurden. Man zog etwa einen Strich auf dem Stadtplan und ging dann dieser Linien entlang - auch über Dächer. Als kraftloser Stubenhocker 42 Kilometer zu laufen, das erschien mir so realistisch wie die Überzeugung der Situationisten, nach der Revolution die Macht zu übernehmen.

Fünf Wochen danach ist das Experiment schon konkreter. Was aus einer spontanen Euphorie heraus entstand, hat das Stadium kollektiver Selbstkasteiung erreicht. Krafttraining, Intervalltraining, Langlauftraining, dazwischen ein Tag Ruhepause. "Du wirst leiden, aber am Ende stolz auf dich sein", versuchte mir Trainer Walter Kraus das Martyrium schmackhaft zu machen. Man weiß, dass es in der Internationale situationniste (IS) hart zugegangen ist; Selbstverwirklichung erfordert eiserne Disziplin. Die IS-Losung "Nie mehr arbeiten!" war der Slogan einer neuen Religion, der Schwerstarbeit am Freizeitselbst. Wer drei Mal die Woche in der Prater-Hauptallee verschwindet, weiß, wie sich das anfühlt.

Walters Exerzitien gingen indes längst über die Selbstformung hinaus. Die Instruktionen sehen nämlich vor, den Bewegungsablauf in einzelne Module zu zerlegen. Arm-und Beinbewegungen können so segmentiert und durch gezielte Übungen von Fehlern befreit werden. Das Ziel ist ein Neustart, die Generalüberholung des durch seelische Anspannungen verkümmerten Bewegungsapparates. Wenn ich mich im April auf den 42 Kilometer in ein Kunstwerk verwandelt haben werde, ist das Trainingsziel erreicht: "Situationistische Bewegungsstudie", 2016.


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