Sport Glosse

Wenn eine Libelle mit der Kraft eines Büffels in den Ring steigt

Stadtleben | Johann Skocek | aus FALTER 05/16 vom 03.02.2016

Kotoshōgiku ist den Wimpernschlag einer Libelle früher am Hals des Gegners als Gōeidō. Er drängt ihn an den Rand des Rings, und als Gōeidō sich verzweifelt gegen das Hinausgeworfenwerden wehrt und sein ganzes Gewicht gegen Kotoshōgiku stemmt, weicht der einen Schritt zurück und macht mit einer Drehung Gōeidōs Impuls Platz. Kotoshōgiku ist der erste Japaner nach zehn Jahren, der ein Sumo-Hauptturnier (Hon-Basho) gewonnen hat. Seit Tagen steht Japan Kopf. Die quasi-sakrale Tradition des Ringkampfes ist gerettet. Der Beginn des Kultsports liegt im Nebel der Geschichte, der erste Kampf soll 23 vor Christus mit dem Tod des Verlierers geendet haben. Heute dauert ein Match zwischen den beweglichen Bladen wenige Sekunden, dann liegt einer auf dem Boden oder fliegt aus dem Ring. Ernstzunehmende Sumokämpfer beginnen bei rund 150 Kilo, Dünnere gelten als eine Art Provisorium. Westlichem Körpergefühl und Schönheitsbewusstsein mag das absurd erscheinen, aber was denken japanische Touristen über Skirennfahrer, die in Helm und Plastikschuhen einen Berg mit 150 km/h hinunterrasen? Tradition ist mühsame, merkwürdige Arbeit. Den einen macht sie blad, den anderen krank, den Dritten reich.


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