Selbstversuch

Es tut mir leid, ich weiß es nicht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 05/16 vom 03.02.2016

Auf Sachen wie RBF (Resting Bitch Face, wer sich erinnert) stößt man, wenn man a) eine Schreibblockade mit Grandezza zelebriert, b) in eskapistischer Absicht im Internet den meisten Beiträgen zur Flüchtlingsproblematik großräumig ausweicht. Oder sie zumindest nur noch ganz selektiv nach verlässlicher Provenienz selektiert, also nur noch die von Kolleginnen und Kollegen liest, von denen man weiß, dass ihnen zuverlässig nicht Aliens das Hirn durch die Nase herausgefädelt haben, was überhaupt nicht mehr selbstverständlich ist. (Apropos Aliens. "Akte X" gibt's wieder! Ich kann nicht behaupten, dass mich das nicht erfreut.)

Aber auch diese gezielt bereinigte Lektüre hilft nicht, dem Problem zu entkommen, dass man sich im Moment einfach nicht in der Lage sieht, eine eindeutige oder gar relevante Meinung zu fassen und zu formulieren, auch wenn das feig ist. Im Unterschied zu sehr vielen anderen muss ich sagen: Es tut mir leid, ich weiß es nicht. Und ich weiß nicht, ob ich es je wissen werde; so wie es im Moment aussieht, eher nicht. Und erlaube mir, in diesem Fall Hermann Maier beizupflichten, der unlängst meinte: "Es gibt zu viele Experten für alles Mögliche." Ja.

Also lieber weiterhin Eskapismus 2.0, Resting-Bitch-Face-Recherchen und solche deppaten, unwichtigen Sachen. Alles über Doris Uhlich lesen. (Und davon träumen.) Und unbedingt Serien-Bingewatchen, solange noch Winter ist. Diesmal: "Transparent", Staffel 2. Für viele Falter-Leser ist das vielleicht etwas schwierig, weil "Transparent" eine Amazon-Original-Serie ist, die man nur via Amazon anschauen kann, jedenfalls die zweite Staffel. Aber sie ist so gut, dass ich leider raten muss, dafür eiserne Prinzipien zu verraten.

Allein der Vorspann, eine Montage aus lieblicher Klaviermusik und historischen Bildern von Liebe und Leben außerhalb der Hetero-Norm, ist schon so wunderschön, dass man damit eigentlich schon zufrieden ist. Allerdings ist er auch ein bisschen irreführend, denn so lieblich bleibt's nicht.

Die Serie über die Familie Pfefferman aus Los Angeles, deren alter Vater spät, aber doch akzeptiert, dass er eine Frau ist, und deren Kinder ihre eigenen Issues mit fluider sexueller Orientierung und überhaupt mit der Liebe haben, ist gar nicht nett, sondern außerordentlich direkt, unverblümt, brutal, ungeschminkt, lustig, gemein und schräg.

Die zweite Staffel ist besonders gut, weil es eigentlich nur um Frauen und ihre Lebensrealitäten geht und um die Tektoniken unterschiedlicher weiblicher Lebensentwürfe. Weil letztlich alle einen Haken haben. Das wird sehr eindrucksvoll erzählt, speziell in der letzten Folge; das ist Fernsehen, das man so noch nicht gesehen hat.

Passt übrigens sehr gut zu Doris Uhlich, deren Auftreten und Auftritte ich für hundert Mal wirksamer halte als hundert Wertekurse. Ach ja, Gaby Hoffmann spielt auch in "Transparent" mit, und auch deshalb muss ich das außerordentlich empfehlen.


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