Tiere

Kinndereien


Peter Iwaniewicz
Falters Zoo | aus FALTER 06/16 vom 10.02.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Was machen eigentlich Biologen tagsüber, wenn sie nicht gerade irgendwelchen Tieren nachlaufen oder Geschlechtsorgane von Pflanzen betrachten? Dann denken sie auch gerne mal über den Menschen als solchen nach und versuchen herauszufinden, warum wir genau so und nicht anders gebaut sind. Nicht immer entstehen dann folgenreiche Publikationen wie Charles Darwins „Die Abstammung des Menschen“, sondern manche Arbeiten vertiefen sogar noch die Mysterien der menschlichen Natur. Größtes Rätsel war bislang, wieso im Unterschied zur sonstigen Tierwelt nur weibliche Menschen hervorstehende Brüste besitzen. Die Theorien
dazu übertreffen sich an Absurdität: Attraktivität durch Imitation des Hinterteils, Babys kann man mit „biegsamen“ Brüsten besser füttern, dank gerundeter Brüste ersticken Säuglinge nicht etc. (siehe Falter 47/2010). Aber endlich steht ein anderer, noch unerklärlicherer Körperteil im Fokus biologischen Interesses: das Kinn. Dieses exklusive Organ, das eigentlich nur eine Vorwölbung des Unterkiefers ist, besitzen ebenfalls nur Menschen. Deswegen lag die Erklärung nahe, dass dies irgendetwas mit unserer Fähigkeit zu sprechen zu tun haben müsste.

Daraus wurden wilde Thesen über die größere Zungenbeweglichkeit bei zusätzlicher Kieferversteifung postuliert. Andere Wissenschaftler bemühten sich nicht einmal, eine funktionale Erklärung zu finden, sondern erklärten das Kinn zu einem „Abfallprodukt“, das bei evolutionären Umbauarbeiten im Gesicht „übrig geblieben“ wäre. Aber wer trägt schon gerne Abfall im Gesicht, also fand man eine Erklärung mit mehr Sexappeal. Man behauptete daher, dass Männer mit ausgeprägtem Kinn auf Frauen attraktiver wirken. Flankiert wurde diese These von Studien, die einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel und Kinngröße herstellten. Quasi ein sekundäres Geschlechtsmerkmal und damit die männliche Entsprechung zu weiblichen Brüsten. Flotte Theorie, die aber an der Frage scheitert, wieso auch Frauen ein Kinn besitzen.

Wenn man nicht mehr weiter weiß, dann zieht man in der Biologie gerne Vergleiche mit dem Neandertaler. Der nämlich kein Kinn besitzt und möglicherweise deswegen auch ausgestorben ist. Vermuten wird man ja noch dürfen.

„Vielleicht“, so der Autor einer Studie über Kinnstudien, „ist in der Evolution alles Zufall“. Oder doch eher „Alles Walzer“?


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