Selbstversuch

Wenigstens die Horwathin hatte Mitleid


Doris Knecht
Kolumnen | aus FALTER 06/16 vom 10.02.2016

Und schon wieder ein Fall für den Diagnose-Detektiv. Diesfalls war man zum ersten Mal seit circa 18 Jahren Ski fahren und voll des Stolzes darüber, dass man die Piste zwar umfänglich unelegant, aber unfallfrei und, dank Carver, auch relativ sicher hinunterkam, und zwar trotz dichten Schneefalls. Getrübt wurde die Freude allerdings davon, dass man am Ende der Abfahrt recht unschön neben die Piste speiben musste, weil einem kurz nach dem Ausstieg aus dem Lift eine ungute Übelkeit anfiel, die sich zusehends verstärkte, bis sich eine spontane Magenentleerung nicht mehr vermeiden ließ. Vorbeifahrende Skifahrer machten fröhlich einschlägige Handbewegungen, die andeuten sollen, dass es, Respekt, noch ganz schön früh sei für einen Schnapsvollrausch. Immerhin die Horwathin tätschelte mir mitleidsvoll den Rücken, weil sie wusste, dass das nicht stimmte. Danke, Horwathin.

Während die anderen also einen lustigen ersten Skitag erlebten, googelte man selbst, noch immer leicht dizzy, im Zimmer "Skifahren, Übelkeit, Erbrechen", und tadaa, es gibt dafür einen Fachbegriff, und er nennt sich "ski sickness", oder, viel schöner, "Häusler's disease". Man war also klassisch seekrank. Denn eine weiße Piste bei trüber, verschneiter Sicht hat auf einen von Unverträglichkeit geplagten Organismus etwa die gleiche Wirkung wie ein Schiff auf wogender See: Das Auge kann sich nirgends mehr festhalten und orientieren, der Körper reagiert mit Übelkeit und Abstoßung des Mageninhalts.

Man ging dann in eine Apotheke, kaufte ein Reisemedikament, wurde informiert, dass man an diesem Tag nicht die erste mit derartigem Bedarf sei, nahm es brav vor jedem Skitag ein, erlebte ein paar ungetrübte Sonnentage und hinterließ bei der nächsten Schlechtwetterfahrt erneut das ganze Frühstück neben der Piste, mit den schon vertrauten Reaktionen der vorbeiwedelnden Skifahrer. Ich führe das deshalb so detailliert aus, weil ich der Meinung bin, das Phänomen sollte unter Skifahrern unbedingt viel bekannter sein, zum Schutz der Reputation der Betroffenen.

Aber: Luxusproblem. Ansonsten: Skifahren ist jetzt viel, viel, viel besser, als ich es in Erinnerung hatte, vor allem, weil in der Zwischenzeit, dankeschön!, die alten Langski von der Piste verschwunden sind, deren unsachgemäße Verwendung (aka Verkantung, Verschneidung und Überkreuzung) mich mehr als einmal in ein Gipszimmer beförderte. Und schließlich neben zahlreichen anderen Gründen für viele Jahre von der Piste fernhielten: zu gefährlich, zu aufwendig, zu teuer, zu bizarr, zu landschaftsschädigend, zu anstrengend.

Jetzt zog ich auf Anfänger-Carvern heil und glücklich durch die Berge, und alle anderen auch. Gottlob auch die wilde Teenagerhorde, die allein loszog und mit der GoPro Speed-und Schanzenvideos drehte, während die Erziehungsberechtigten gemächlich sonnige Hänge hinunterschwangen. Schön, dass ihr Spaß hattet, und wenn's okay ist, schauen wir uns das lieber nicht an.


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