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Romane über "kleine" Leben

Feuilleton | aus FALTER 06/16 vom 10.02.2016

Während die Welt fußballerisch am deutschen Sommermärchen teilhat, versucht Florian Berg, Sohn zweier Pastoren aus Wulsbüttel, sich an einer kleinen Studentrevolte. Die wird nicht nur wegen seiner Passivität eher ein Zwergerlaufstand, sondern auch weil der "Workload in den neuen Bachelorstudiengängen" jedes kritische Potenzial erdrücke, wie die anhängliche Line sagt. Berg lässt sich für einen Platz in "Logik und Wissenschaftstheorie" von ihr küssen und gründet gleich darauf aus Wehrlosigkeit mit ihrem Ex Stefan eine WG. Wenn die Unibesetzung oder die Liebesbemühungen wieder einmal versanden, weinen die beiden jungen Männer schnell, lesen "Harry Potter" oder spielen ausgiebig auf der Xbox.

Marklein erzählt das alles lakonisch. Erhebend ist das selten, aber das kennt man aus dem eigenen Leben. Einen Helden, dem man erst im Seminar beibringt, dass er sterblich ist, kann man ruhig noch eine Runde auf der Konsole "daddeln" lassen. DM

Die Mutter eines nicht ganz jungen, nicht ganz erfolgreichen Schriftstellers stirbt. Er fotografiert sie auf dem Totenbett. Keine Eltern mehr zu haben trifft Charly mehr, als er wahrhaben möchte. Der Verlust zieht ihn zurück zur ungelebten Jugend im ungeliebten Dorf, in einer Aulandschaft, die im Staubereich der Donau verschwunden ist. Er ist nicht willens, dem Dorfleben eine falsche Idyllik abzugewinnen, nur weil alle im Landleben die Rettung aus der Krise erhoffen.

Seit die Welt ein Dorf ist, gibt es das Dorf nicht mehr. So wie die Mutter zu verschwinden droht, denkt Charly, wenn er sich kein eigenes Bild von ihr macht - von einem "kleinen", 70-jährigen Frauenleben, das in Armut begann und in der Gegenwart verlischt. Der Roman ist mehr als eine Familiengeschichte, auch wenn er sehr nahe an der eigenen Biografie entlang geschrieben ist. Walter Kohl ist einer der besten unter den unterschätzten Autoren. DM


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