Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Antipopstar der Welt der Woche

Feuilleton | Sebastian Fasthuber | aus FALTER 06/16 vom 10.02.2016

Viele Popfeinspitze, die etwas auf sich halten, erkennen in Phil Collins nur eine Witzfigur. Manche hassen ihn auch schlichtweg. Für sie ist der britische Sänger und Drummer der Typ, der Genesis von einer Macht des Progressive Rock zu einer Witzcombo ("I Can't Dance") schrumpfte und außerdem mit seinen Solohits von "In the Air Tonight" (1981) bis "Another Day in Paradise"(1989) das Radiohören in den 80ern unmöglich machte.

Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit. Zwar gehört das 5-Minuten-Sozialdrama "Another Day in Paradise" in der Tat zu den weinerlichsten Popstarmomenten, die abseits des Wirkens von Bono existieren. Das mit viel Hall produzierte "In the Air Tonight" dafür beeinflusste in den letzten Jahren die Soundästhetik zahlreicher angesagter Bands von Animal Collective abwärts. Phil Collins hat zeitweise Ohrwürmer nur so aus dem Ärmel geschüttelt, was für sich schon eine Kunst ist, aber er war nie nur ein Kommerz-Heini. So spielte er etwa in den 1970ern auf mehreren Post-Roxy-Music-Studioalben von Brian Eno Schlagzeug.

Die längste Zeit schien ihm sein eigenes Werk allerdings ziemlich egal zu sein. Nach einem Motown-Coveralbum setzte er sich 2010 mit nicht einmal 60 zur Ruhe. Wie er kürzlich in einem offenherzigen Interview erzählte, fiel ihm danach die Decke auf den Kopf.

Er verbrachte seine Tage auf dem Sofa vor dem Fernseher, öffnete um elf Uhr vormittags die erste Flasche Wein. Jetzt hat Collins sich wieder aufgerappelt und denkt laut über eine mögliche Genesis-Reunion nach. Bis es dazu kommt, gibt er aufwendig gestaltete Reissues seiner Soloalben heraus. Das Motto der Serie lautet "Take a Look at Me Now". Sprich: Gebt mir eine zweite Chance, ihr verdammten Geschmackspolizisten!


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