Wien Marathon Sigrid Johlers Lauftagebuch

Erst die Midlifecrisis, und dann läuft's

Stadtleben | Sigrid Johler | aus FALTER 06/16 vom 10.02.2016

Warum ich laufe? Weil ich mich dabei wohl fühle. Job-und familienbedingt tat ich es bis für kurzem nur unregelmäßig. Manchmal wochen-bis monatelang gar nicht, dann packte es mich wieder, und ich lief gleich mehrmals die Woche. Alles in allem aber zu wenig, um trainiert zu sein. Dann bin ich über das Killerargument der Falter-Laufsportchefin gestolpert ("uns fehlt noch eine Läuferin im Team") und habe - ohne nachzudenken - als Ersatzläuferin bei der hausinternen Selbsterfahrungsgruppe "Ich mach dich Marathon" zugesagt: "Euch fehlt eine Frau? Na klar, wir Frauen müssen doch zusammenhalten. Bin dabei!"

Zwei Tage später trete ich bei Laufsportdirektor Walter Kraus am Donaukanal mit der Hoffnung an, nicht zu entsprechen und heimgeschickt zu werden, weil das Team sowieso schon komplett ist und es ja nur um die Ersatzbank geht. Walter Kraus lässt sich aber weder von Hallux valgus noch von sonstigen Ausflüchten beeindrucken, sondern kontert mit Kraft- und Intervalltraining sowie Dehnungsübungen für die bevorstehenden Trainingswochen. Ich bin besiegt, mir fällt keine weitere Ausrede ein.

Später schickt mir der Laufsportdirektor ein fieses Amateurvideo, das mir meinen Laufstil verdeutlichen soll. Bei dessen Durchsicht falle ich augenblicklich in eine um Jahrzehnte verzögerte und von einer Grippe begleitete Midlifecrisis, die mich die nächsten drei Wochen vom Training fernhält.

Den Anschluss an die Gruppe muss ich mir danach hart erkämpfen, aber mit der Zeit macht's endlich richtig Spaß. Midlifecrisis war gestern. Ich muss nur üben, so läuft das halt! Und das fiese Filmchen lassen wir verschwinden, Herr Laufsportdirektor, und zwar für immer!


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