Film Neu im Kino

Exodus 2.0: Wohlgenannts "Was wir nicht sehen"

Lexikon | Martin Thomson | aus FALTER 06/16 vom 10.02.2016

Die Expansion von kabellosem Informationsaustausch via Smartphone und WLAN hat sie zur Flucht aus dem zeitgenössischen Global Village in die letzten Funklöcher dieser Welt genötigt. Sie sind die Opfer eines unaufhaltsam voranschreitenden Programms zur Vernetzung des Erdballs. In der Stadt hatte der Feind bereits ihre Körper kontaminiert. Nun ist er dabei auch noch die Mauern ihrer entlegenen Exilstätte zu überwinden. Diese Eremiten, die Anna Katharina Wohlgenannt in ihrer beklemmenden Doku "Was wir nicht sehen" porträtiert, leiden alle unter derselben Krankheit: Elektrohypersensitivität. Und obwohl man sie zuerst für Hypochonder, Drückeberger oder Verschwörungstheoretiker halten mag, wirken sie doch zu normal, zu einsam, zu unglücklich mit ihrer Situation, um dieses Vorurteil zu bestätigen.

Wenn die Welt einmal von Google-Ballons überzogen sein wird, die noch in ihrer letzten Ecke einen Web-Zugang erlauben, wird man sie vielleicht als Vorboten einer Epidemie wahrnehmen, die eines Tages auch unsere Körper in fragile Durchflussbehälter einer globalen Hybris verwandelt haben könnte. Wobei es den Betreibern dieses Projekts zur totalen Kommunikation nur recht sein kann, dass sich elektromagnetische Wellen niemals sehen oder sichtbar machen lassen. Umso besser, dass die Künstlerin Christina Kubisch einen Weg gefunden hat, sie zumindest hörbar zu machen. Die mysteriösen Klänge, die sie mit einem dafür präparierten Kopfhörer aufnimmt, legen sich im Film simultan über die unverdächtig anmutenden Bilder von Natur-und Stadtlandschaften. Aber was oder wem sollen wir glauben? Unseren Augen oder unseren Ohren? Und welche Konsequenzen hätten wir daraus zu ziehen, wenn wir den Internet-Vertriebenen volles Vertrauen schenkten?

Ab Fr im Metro Kinokulturhaus (tgl. mit anschl. Diskussion mit der Filmemacherin und Gästen)


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