Oh, là, là, Paris bei Tag

Ein kleines Deli im Badezimmerdesign kocht ein bisschen französisch


Lokalkritik: Florian Holzer
Stadtleben | aus FALTER 06/16 vom 10.02.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Man soll einen Artikel weder mit „ich“ noch mit „eigentlich“ beginnen. Was somit erledigt wäre, jetzt aber: Eigentlich wollte ich über das Midi, das vorigen Herbst in einem ehemaligen Papiergeschäft am Hohen Markt eröffnete, ja nicht schreiben. Noch so ein slicker, hübsch-adretter Tagesladen mit atmosphärischer Formatküche für makellose Büromenschen, bitte nicht schon wieder. Dann steh ich da aber vor der Fleischtheke beim neuen Hipster-Nahversorger und werd von einem sympathischen jungen Mann mit französischem Akzent gefragt, ob ich nicht „der mit den Innereien“ sei und ob ich ihm sagen könne, wo man in Wien frische Innereien beziehen könne, weil er die in seinem Midi nämlich gern nach französischer Rezeptur zubereiten wolle. Öha, dachte ich da, sollte man sich dann also vielleicht doch einmal anschauen.

Gleich vorweg: Die Wahrheit liegt ziemlich genau in der Mitte meines ursprünglichen Vorurteils und meiner dann revidierten Erwartungshaltung. Natürlich ist das Midi ein kleines, dezent kitschig überdesigntes Deli mit Badezimmerboden und weißen Fliesen, in dem sich ein paar Tartelettes ins Auge drängen, ein Regal mit hübschen französischen Senfen und Backwerk gefüllt ist und Schaumweinflaschen in für so ein kleines Lokal beeindruckenden Mengen herumstehen. Also nicht gerade das Umfeld, in dem man mit Kalbsnieren in Senf-Estragon-Sauce oder mit der unvergleichlichen Darmwurst „Andouillette“ rechnen sollte.

Guilhem Baribeaud fährt da die sicherere Linie, also mit der unvermeidlichen Quiche – in einer vegetarischen und in der „Lorraine“-Version mit Speck, die auch durchaus okay ist –, mit vegetarischen Tagessuppen und jeden Tag einem vegetarischen sowie einem fleischlichen Tagesgericht. Da kann man dann Glück haben oder halt nicht so. Die Kürbis-Galgant-Suppe war jedenfalls ebenso langweilig wie orange, schmeckte primär nach Kokosmilch und hinterließ irgendwie so gar keinen französischen Eindruck (€ 3,80), das Karfiol-Süßkartoffel-Curry hatte die gleiche Farbe wie die Suppe, schmeckte ebenfalls nach Kokos und wirkte auch eher frustrierend (€ 7,90). Wobei man sagen muss, dass die Veggie-Gerichte der anderen Tage – schöne Gratins, Aufläufe oder Tahines – weitaus besser klangen. Ganz anders dann jedenfalls das geschmorte Kalbsragout mit schwarzen Oliven, das sich als provençalische Aromabombe herausstellte und dafür, dass es genauso viel kostete wie Quiche und Curry, der unbedingte Bringer dieses Tages war. Auch die Zitronen-Tartelette mit Meringue-Haube war fein, der extra fürs Midi geröstete Kaffee definitiv besser, als in Frankreich meistens der Fall ist.

Gekocht wird übrigens irgendwo im zehnten Bezirk in einer Zentralküche, weitere Midi-Standorte sind geplant. Vielleicht kommt dann ja auch einmal was mit Innereien.

Resümee:

Ein kleines Tageslokal mit Tagesgerichten aus der Warmhaltung, die ansatzweise französisch sind. Und mit etwas Glück auch sehr gut.

Midi
1., Hoher Markt 5
Tel. 01/890 45 64
Mo–Fr 11.30–19.30, Sa 10–18 Uhr
midi.at


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