Film Neu im Kino

Liebende in der Hölle: "Colonia Dignidad"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016

Die Stewardess Lena besucht im Herbst 1973 ihren Freund Daniel, der sich in Chile an den Demonstrationen für Präsident Allende beteiligt. Doch das Glück der Liebenden findet ein jähes Ende, als Pinochet die Macht ergreift und Allende-Befürworter verhaftet werden. Auch Daniel wird verschleppt. Lena vermutet, dass er in die mysteriöse Colonia Dignidad gebracht wurde, und tritt der Gemeinschaft bei, um ihn zu retten.

Florian Gallenbergers "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" beruht auf historischen Begebenheiten: Die 1961 gegründete auslandsdeutsche Kolonie der Sekte um den Laienprediger Paul Schäfer war ein abgeriegeltes Areal, auf dem Gefangene des Pinochet-Regimes gefoltert und getötet wurden. Die Mitglieder der Sekte waren einem harten Arbeitsleben und drakonischen Strafen unterworfen, Kinder wurden sexuell missbraucht. Auch die deutsche Botschaft war in diese Menschenrechtsverletzungen verwickelt.

Gallenberger dient die Kolonie als Kulisse, um das fiktive Paar in seinem ganz schlau gebastelten, international besetzten Thriller in den Kampf um Freiheit und das nackte Leben zu schicken. Die große Spannung täuscht fast darüber hinweg, dass für eine tiefer gehende Betrachtung kein Raum bleibt: Zunächst fehlt Lena und Daniel (Emma Watson und Daniel Brühl) jede Vorgeschichte. Gegeißelt von der pervertierten christlichen Moral Schäfers (Michael Nyqvist) schleppen sich sodann zombieartige Arbeitssklavinnen vom Feld in den Schlafsaal, geifern sadistische, prügelnde Männer. Wie diese entmenschlichte Hölle entstand, wird nicht erzählt, auch die politischen Kontakte der Colonia werden nur minimal angedeutet.

Mit dem Hervorrufen nachhaltiger Beklemmung beeindruckt der Thriller dennoch. Es lebe die Freiheit!

Ab Fr im Kino (engl. OF im Artis, OmU im Votiv)


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige