Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die besten Lesezeichen der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016

Die meisten Menschen haben ein gewisses Bedürfnis, den Rest der Menschheit wissen zu lassen, dass sie sich signifikant vom Rest der Menschheit unterscheiden. Man kann sich dann ein Kaffeehäferl mit seinem Namen drauf kaufen, sich den Spruch "I'm totally different!" aufs T-Shirt drucken lassen oder laminierte Kunstpostkarten als Lesezeichen verwenden.

Letzteres ist freilich die blödeste Idee von allen, denn laminierte Kunstpostkarten haben zwischen zwei Buchseiten circa so viel Haftung wie ein tiefgefrorener Truthahn auf einem frisch gewachsten Toboggan.

In der besten aller möglichen Welten wären alle Bücher mit einem Lesebändchen ausgestattet. Nun hat sich Leibnitz aber bekanntlich mit der Theodizee vertan, weswegen die Verlage mit Argusaugen darüber wachen, dass nicht jeder dahergelaufene Debütant gleich ein Lesebändchen in seinem Lyrikband hat - kostet immerhin fünf Cent pro Exemplar!

Die Angebote der Papeterie- und Trallala-Industrie auf dem Lesezeichensektor sind so üppig wie unsinnig. Es gibt handgestickte und mundgeblasene Lesezeichen, Lesezeichen, die im Dunkeln leuchten, und solche, die die Herzfrequenz während der Lektüre messen und die Daten sofort an Amazon, Google, den Mossad und extraterrestrische Invasoren funken.

Wer wert auf Privatsphäre legt, verwendet geeignete Objekte, die zufällig zur Hand sind: Rechnungen, Eisenbahntickets, Konzertkarten, polizeiliche Vorladungen, gepresste Pflanzen, flachgemachte Tiere. Nach abgeschlossener Lektüre lässt man das objet trouvé im Buch und wird von schönen Erinnerungen geflutet werden, sollte man es Jahre später wieder zur Hand nehmen: "Erinnerst du dich? Das habe ich in Tasmanien gelesen, als wir den Wombat überfahren haben!"


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