Nüchtern betrachtet

Sie haben mir etwas in meine Suppe getan!

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016

Die in meiner Verwandtschaft väterlicherseits kursierenden Legenden kannten einen Onkel, der jeden Tag seines Lebens Schnitzel aß und einen anderen, der jeden Tag seines Lebens drei Flaschen Bier trank. Im Unterschied zum Drei-Bier-Oheim genoss der Schnitzelonkel den Ruf eines coolen Hundes, denn er besaß eine Motocross-Maschine und konnte Einradfahren. Dabei durften einseitige Ernährungsgewohnheiten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch auf wesentlich größere Toleranz rechnen, weil Essen noch stark an das Konzept des Sattwerdens gebunden war und sich ganze Landstriche tagaus tagein von Sterz (Steiermark) oder Spam (Shropshire) ernährten. Heute reicht ein bisschen Einradfahren schon lange nicht mehr, um den schlechten Ruf eines Ernährungsfadianten zu kompensieren.

Ein besonders geringes Sozialprestige hat die sogenannte Menümonogamie. Sich in einem Restaurant stets das Gleiche zu bestellen zeugt nämlich von mangelnder Offenheit, Risikound Veränderungsbereitschaft.


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