Selbstversuch

Ist alles okay, muss so sein

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016

Andere fasten jetzt bis Ostern; trinken keinen Alkohol, essen keinen Zucker, verzichten rigoros auf Fleisch; ich nicht. Es besteht dafür, so rechtfertigt man das jedenfalls vor sich selber, überhaupt keine Notwendigkeit: Hat man das Prinzip der Mäßigung doch in ausreichendem Maße verinnerlicht. Man isst eh kaum noch Fleisch, umgeht so gut wie möglich den pösen Zucker und braucht die Weltformel nicht einmal mehr anwenden: Sie wendet sich praktisch selber an, indem sie den Organismus so um 23.40 Uhr herum spontan in einen Zustand der Erschlaffung versetzt, der es gerade noch möglich macht, sich artig zu verabschieden und ein Taxi zu rufen. Jüngere fahren natürlich den Zeigefinger aus und schmettern einem ALT, ALT, ALT!!! entgegen.

Ich kann das nicht bestätigen, da mich zahlreiche Zeitgenossen mit adäquater Bejahrung immer wieder damit verblüffen, wie sie von diesem Weltformel-Verinnerlichungsphänomen überhaupt nicht betroffen sind; ja die Weltformel, nona, als eine Ausrede feiger Luschen desavouieren, die nicht die Eier haben, alle notwendigen und verfügbaren Maßnahmen gegen den physischen Feierabend zu ergreifen und dem faden Organismus klarzumachen, wer darin Chefista oder Chef ist. Und wann man müde wird. Und wann nicht. Allerdings ist mir derlei, im Gegensatz zu früher, als mich das noch in meiner Berufsjugendlichen-Ehre kränkte, jetzt völlig egal, ja, super, gute Nacht, habtses noch lustig.

Es hängt natürlich alles auch kausal damit zusammen, dass eine berufstätige Erziehungsberechtigte von Teenagern, die täglich zweimal (a.k.a. 14 Mal pro Woche, 60 Mal pro Monat) warme Mahlzeiten verlangen, morgens besser so um Nullsechs herum aufsteht.

Es ist anhaltend erstaunlich, wie viel Nahrung Jugendliche brauchen, welche Wäscheberge sie erzeugen, wie viel Mist sie machen und wie sich alles Hinterihnenherfluchen in ihren Teenagerhirnen einfach nicht verfängt. Ist alles okay, muss so sein, und das Zusammenleben mit Teenagern ist außerordentlich vergnüglich und kreativ, lässt aber wenig Spielraum für mutterseitiges Laisser-faire. Das sich deshalb im Wesentlichen darauf beschränkt, sonntags einfach nicht aufzustehen und das Netflix-Konto auszunützen. Wobei das hiesige Angebot, wie ich finde, tüchtig zu wünschen übriglässt, weil z.B. von "The Americans" überall anders längst drei Staffeln vorrätig sind, und nicht nur die erste wie hierzulande. Immerhin finden sich ein paar Filme aus den 80ern und 90ern, die man gemeinsam mit den Teenagern nochmal anschauen kann, so die sich noch darauf einlassen nach dem Debakel mit "Terminator 2", wo man beim Wiedersehen selber zugeben musste, dass damals im Kino entschieden andere Tempolimits galten als heute. Boah, das zieht sich.

Passend zu alledem sei auf die Internetserie "The Skinny" von Jessie Kahnweiler verwiesen: eine Art kalifornisches Youtube-"Girls", kurz, schnell, deppat, lustig und es sargnagelt ganz hübsch; empfehle ich.


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