Wien Marathon Dirk Merbachs Lauftagebuch

Dead Man Running

Stadtleben | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016

Neulich auf der Prater-Hauptallee, kurz nach sechs am Abend. Jogging-Rushhour, Stoßverkehr mit angewinkelten Armen.

Erstes Training, Anfänger-Gruppe, Untergruppe: absolute Anfänger. Ich machte meine Nasenlöcher groß wie Nick Cave, wenn er sich in zitternde Wut singt. Meinen Mund riss ich weit auf, als wäre ich Mick Jagger, singend im Laufschritt die Bühne fegend. Nichts half. Da kam partout nicht genug Sauerstoff in meinen Körper hinein.

Die Lichtverhältnisse gestalteten sich gnädig. Es war fast dunkel, die Schatten waren sehr breit. An Cave oder Jagger fühlte sich durch mich wohl niemand erinnert. Ich wusste, mein Anblick ging eher in Richtung schwitzender Elvis, metabolisches Syndrom, Hypertonie und akute Atemnot. Eine Robbe, aber nass. Wirklich schweißtriefend nass.

Das schlimmste ist ja die Scham. "Wenn mich jetzt einer sieht ..." Einer, das wäre in diesem Fall jemand, den man woandersher kennt und der ganz abseitig "die Sache" zur Sprache bringen könnte. "Ich hab' dich gesehen. Neulich. Auf der Prater-Hauptallee ..." Die Katastrophe wäre, wenn einer eine Eine ist. Möglicherweise auch noch aus dem Falter-Konzern. Oder aus der boboesken Nachbarschaft.

Es schmerzt mich, wie sie an mir vorbeigleiten, diese Leptosomen in ihren Taucheranzügen, wie sie lächerlich in Neopren gepresst über den Asphalt hecheln, kein Gewässer in der Nähe. Meine Gedanken fliehen dann Richtung April. Am Ufer der Donau werden sie offenmündig staunend stehen, wenn ich flink wie eine Robbe in die sanften Wellen tauche, den Auftrieb meines straffen genährten Fleisches nutzend durchs Wasser gleite und ohne Anstrengung hinter dem Horizont verschwinde, noch ehe sie ihren linken großen Zeh benetzt haben werden.


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