Tiere

Volle Backe

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016


Schnodderdeutsch, eine in den 1960er-Jahren entstandene Form der deutschen Sprache, wollte durch Anglizismen und skurrile Vergleiche nicht nur jugendliche Coolness („Sleep well in your Bettgestell“) signalisieren, sondern auch an den Gitterstäben steifer Normen rütteln („Erheben wir unsere Gläschens zur Freud und Kurzweil unsres Bläschens“). Jetzt aber muss niemand mehr besonders lässig sein und deswegen verschwinden mit diesem Soziolekt auch die flapsigen Tiersprichwörter: Keiner wird von einem Pferd getreten, Hunde werden nicht mehr in der Pfanne verrückt und niemand drückt Überraschung so dadaistisch aus, indem man sagt: „Ich glaub, mein Hamster bohnert!“

Hamster verschwinden aber nicht nur aus der Sprache, sondern auch aus dem wirklichen Leben. Der heimische Feldhamster gehört zu den streng geschützten Arten und ist daher nur mehr im Gespräch, wenn er durch seine Anwesenheit den Bau formschöner Gewerbegebiete oder Straßen behindert. Das Baugewerbe liefert dazu gerne schnodderösterreichische Sinnsprüche: „Nur Beton und Asphalt gibt Natur erst Form und Halt“.

Dann gäbe es da noch den Goldhamster, der eigentlich aus Syrien stammt. Von dort ist er aber nicht geflohen, sondern wurde eher entführt. 1930 wurde zur Begründung eines Zuchtstammes für Versuchstiere auf der Hochebene von Aleppo ein Weibchen mit elf Jungen gefangen und vermehrt. Von ihnen stammen alle weiteren Goldhamster in Gefangenschaft ab. Karriere machte der Goldhamster vor allem als Heimtier. In den westlichen Industrieländer wird die Anzahl dieser Nagetiere auf sieben bis acht Millionen geschätzt.

Als Labortiere lassen sich die einzelgängerischen Tiere gut in Käfigen halten. Wieso sie aber als Haustiere für Kinder so beliebt wurden, ist verwunderlich. Goldhamster sind hauptsächlich nachtaktiv und erwachen erst dann, wenn selbst Erwachsene schlafen gehen. Dann bohnern sie im Käfig bis Tagesanbruch herum, ihre Anwesenheit bemerkt man tagsüber nur mehr an den zurückgelassenen Kötteln.

Na ja, wer’s mag. In seiner ursprünglichen Heimat sollte der Goldhamster
eigentlich das Nationaltier sein. In der Fauna finden sich sowohl europäische Arten wie Dachse, Rehe oder Bären als auch afrikanische Tiere wie Antilopen und Hyänen. Aber nur der Goldhamster ist ein echter Syrer.


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