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Deutschland ist kein Hegemon

Politik | BT | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016

In den aktuellen Blättern für deutsche und internationale Politik hinterfragt der britische Philosoph Hans Kudnani Deutschlands Rolle in Europa. Können wir wirklich schon von einer Hegemonie sprechen? Oder vielleicht eher von einer "Halbhegemonie"? Wenn, dann sei es jedenfalls eine, die sich nicht geopolitisch, sondern geoökonomisch manifestiert, im Falle Deutschlands durch eine "seltsame Mischung aus wirtschaftlichem Durchsetzungsvermögen und militärischer Abstinenz".

Wie auch immer man es definieren kann, Kudnani sieht Deutschland als halbhegemoniale, geopolitische Macht jedenfalls gescheitert. Seit Anfang der Eurokrise habe Deutschland nicht für Stabilität in Europa gesorgt, sondern für Instabilität. Und das, obwohl die deutsche Rhetorik andauernd um den Begriff "Stabilität" kreise. Gemeint sei aber nur "Preisstabilität".

Deutschland habe Regeln, aber keine Normen exportiert. Vor allem aber sei es Deutschland nicht gelungen, Europa zu einen. Es gab in Sachen Eurokrise keinen "Berliner Konsens". Historisch lasse sich das mit den Jahren 1871 bis 1945 vergleichen, als Deutschland, nach der Reichsgründung, "zu groß für ein Machtgleichgewicht in Europa und zu klein für die Hegemonie" gewesen sei.

Die Fluchtbewegung führe das exemplarisch vor. Berlin habe nicht einmal mitteleuropäische Länder wie Polen oder die Slowakei, die volkswirtschaftlich eng mit Deutschland verbunden sind, überzeugen können, Flüchtlinge aufzunehmen. Obwohl beide Berlin kurz zuvor in der Frage weiterer Kredite an Athen noch unterstützt hatten. Kudnanis - recht britisches - Fazit: Europa könne "weder heute noch in der Zukunft von Berlin aus regiert werden".

Blätter für deutsche und internationale Politik 2/16. Blätter-Verlag, 128 S., € 10,-


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