Neue Bücher

Die Erinnerungen der Deutschen und die Macht der Gefühle

Feuilleton | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016

Nach seinen Erfolgen mit "Die Welt in 100 Objekten" (2011) und "Shakespeares ruhelose Welt" (2013) erfreut uns Neil MacGregor mit einem über 600 Seiten starken Parcours durch Erinnerungen der Deutschen Nation. Er hält, was der Titel verspricht.

Dezidiert keine "Geschichte Deutschlands" will der designierte Intendant des Berliner Humboldtforums schreiben. Vielmehr verwaltet er mustergültig historiografischen Konsens, trägt elegant und mit beeindruckender intellektueller Integrität zusammen, was es über Alltags-, Sozial-, Wirtschafts-, Kultur- und politische Geschichte des großen Nachbarn zu wissen gibt. Am stärksten ist Mac-Gregor dort, wo er anhand von Gebäuden, Münzen, Plastiken, Kunstwerken, Designobjekten und sogar Würsten (!) dichte, konzise Geschichten erzählt. Nur im biografisch-hagiografischen (Luther, Goethe) gerät der Braten dem Koch manchmal gar zu trocken. FB

Um zu wissen, dass wir keine autarken Wesen sind, sondern existenziell abhängig von "Resonanz" durch andere, benötigt man keine Soziologen. Um zu wissen, dass Liebe heilen kann und Krankenschwestern vor allem auch "Gefühlsarbeit" leisten, bedarf es keiner Feldforschung, und wer Zeitungen liest, weiß mittlerweile, dass ein Manager nicht mehr über Befehl und Gehorsam Leistungsanreize setzt, sondern über Wohlfühl- und Gemeinschaftswerte. Es kann nur die Verkäuflichkeit sein, die einen fähigen Wissenschaftsjournalisten wie Ulrich Schnabel dazu bringt, solches Allerweltswissen auf Ratgeberniveau noch einmal aufzubereiten, "praktische Tipps" mitzuliefern und dabei fahrlässig und oft schlecht informiert ganze Epochendiagnosen zu stellen.

Schnabel beherrscht eigentlich das Handwerk des Vermittlers, wie das Kapitel über die Basisemotionen zeigt. Nur findet man das anderswo, etwa bei Jan Plamper, substanzieller. SK


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