Im Schatten junger Mädchenblüte

Das Kunstforum zeigt erstmals hierzulande Balthus, Maler von Mädchen und Katzen

Lexikon | Vorschau: Nicole Scheyerer | aus FALTER 07/16 vom 17.02.2016


Erotischer Müßiggang in Balthus’ Gemälde „Schulfreie Woche“ von 1949 (Foto: Frances Lehman Loeb Art Center, Vassar College, Poughkeepsie, NY)

Erotischer Müßiggang in Balthus’ Gemälde „Schulfreie Woche“ von 1949 (Foto: Frances Lehman Loeb Art Center, Vassar College, Poughkeepsie, NY)

Er liebte junge Frauen, lebte auf Schlössern und malte am liebsten nymphenhafte Mädchen und Katzen. Der 2001 hochbetagt verstorbene Künstler Balthus war ein Einzelgänger der modernen Kunst, der sich keiner Avantgarde seiner Epoche anschloss und sich mit seinem realistischen Stil zwischen alle Stühle setzte. Für die erste Ausstellung des Künstlers in Österreich hat das Kunstforum Leihgaben von privaten Sammlern aus der Schweiz, Frankreich und Amerika zusammengetragen.

Das enorme Talent des Sprosses eines Künstlerpaares wurde bereits im Alter von elf Jahren deutlich, als der Junge die bezaubernde Bildergeschichte „Mitsou“ über eine zugelaufene Streunerkatze festhielt. Das Vorwort zu den 1921 publizierten Tuschezeichnungen verfasste Rainer Maria Rilke, der damals mit der von Paris nach Bern übersiedelten Mutter von Balthasar Klossowski liiert war. Von dem deutschen Dichter stammt auch der Kosename „Balthusz“.

„Er war definitiv ein Dandy“, sagt Kunstforum-Kuratorin Evelyn Benesch. Daran ließe schon das 1930 von Man Ray geschossene Fotoporträt des lässigen Twentysomethings gar keinen Zweifel. Seine Person zelebrierte der künstlerische Autodidakt zeitlebens bis hin zur Selbststilisierung, etwa durch den polnischen Adelstitel seiner Familie „Graf von Rola“. Gleichzeitig schirmte Balthus sein Privatleben von der Öffentlichkeit ab.

Ein stilistisches Schlüsselerlebnis war eine Reise 1926 nach Italien, wo der junge Künstler die Fresken von Piero de la Francesca kopierte. „Damals kam die typische Kompaktheit in seine Figuren“, erklärt Benesch zu der speziellen Körperdarstellung in Balthus’ Malerei. Ausgehend vom Fresko entstanden auch viel später noch Bilder in Kasein-Tempera-Technik, etwa „Das türkische Zimmer“ von Mitte der 1960er-Jahre, in dem er seine japanische Ehefrau Setsuko als Akt malte.

Es ist die geheimnisvolle und gleichzeitig strenge Anmutung seiner Bilder mit ihren geometrisch-bühnenartigen Räumen und Interieurs, die an dieser oft als rückwärtsgewandt kritisierten Malerei bis heute fasziniert. In warmen Farben gemalt, strahlen sie dennoch eine fast grausame Kälte aus.

Die Minirockträgerinnen, die die besten Werke des an Edgar Degas und Gustave Courbet geschulten Künstlers zeigen, wirken in sich gekehrt, gelangweilt oder schläfrig – und scheinen sich doch irgendwie ihrer sinnlichen Ausstrahlung und Macht bewusst.

„Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele“, schrieb Vladimir Nabokov in seinem berühmt-berüchtigten Roman „Lolita“. „Der Beginn aller Missverständnisse um meine Kunst“, sagt der greise Maler in einem Doku-Film über seine Person, denn er sah in sich keinen Kleinmädchenliebhaber wie Nabokovs Romanfigur Humbert Humbert.

Schon in seinen frühesten Bildern dienten spielende Kinder im Jardin du Luxembourg als Sujets; die Latenzphase zwischen kindlicher Erotik und erwachsener Sexualität faszinierte ihn auch an den Geschwistern Blanchard, seinen ersten Kindermodellen.

Neben Balthus’ großer Faszination für Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“, den er auch illustrierte, war die absurde Welt von „Alice im Wunderland“ mit den Originalzeichnungen von John Tenniel eine Inspirationsquelle für ihn. So griff er etwa die großen Köpfe der Figuren auf. Der Maler schätzte aber auch Wilhelm Buschs Zeichnungen und seinen dunklen Humor.

„Katzen und Mädchen“ lautete der kitschverdächtige Titel einer großen Schau im New Yorker Metropolitan Museum vor zwei Jahren, bei der zahlreiche Debatten über Balthus’ freizügige Darstellung Heranwachsender hochkochten. Dabei sorgte der „König der Katzen“, wie ein herrliches, jetzt auch in Wien gezeigtes Selbstporträt des Künstlers heißt, bereits 1934 für den ersten Skandal. Damals stellte der Surrealisten-Spezi sein Gemälde „Gitarrenstunde“ aus, auf dem eine lesbische Szene mit einer Adoleszenten dargestellt ist.

In Amerika entzündeten sich die Gemüter weniger an Balthus’ kunsthistorisch altbekanntem Blick auf blitzend weiße Höschen als an einer in der Gagosian Gallery ausgestellten Auswahl von 2400 Polaroids aus dem Nachlass, die der fast 90-jährige Maler über acht Jahre hinweg von der Tochter seines Hausarztes, Anna Wahli, geschossen hat. Infolge dieser Kritik sagte das Essener Folkwang Museum seine Balthus-Ausstellung ab.

„Ich sehe keinen Anlass für Zensur, schließlich ist die Kunstgeschichte voller Akte junger Mädchen“, sagt Kuratorin Benesch zu der Schau, die sie gemeinsam mit dem Scuderie del Quirinale und der Villa Medici in Rom produziert hat.

Die jetzige Retrospektive möchte auch die Vielfalt des Œuvres verdeutlichen, das etwa Bühnenbilder für Antonin Artauds „Theater der Grausamkeit“ oder für Stücke des Existenzialisten Albert Camus, ebenso wie für die Oper „Così fan tutte“ umfasst.

Ein großes Werk hat der Freund von Pablo Picasso und Alberto Giacometti, der ab 1961 die Französische Akademie in Rom leitete, nicht hinterlassen. Rund 350 Gemälde und 1600 Zeichnungen aus mehr als 70 Jahren existieren heute noch.

„Balthus’ Atemrhythmus entspricht nicht dem industriellen Zeitalter, sondern der Gesellschaft des Ackerbaus“, hat sein Bruder und wichtigster Exeget, der Philosoph Pierre Klossowski, einmal geschrieben. Dass die Ergebnisse seiner langsamen Malweise bis heute noch Einfluss haben, beweist etwa die Hochachtung, die zeitgenössische Künstlerstars wie Neo Rauch oder Jonathan Meese dem Anti-Modernisten erweisen.

Kunstforum, Eröffnung Di 19.00 (bis 19.6.)


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