Film Neu im Kino

Institutionalisierter Missbrauch: "Spotlight"

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016

Die Aufmerksamkeit eines Priesters bedeute für ein Kind aus armen Verhältnissen viel, erzählt Phil. Der Gründer einer Opferorganisation war elf Jahre alt, als er missbraucht wurde -körperlich und spirituell, wie er gegenüber den vier Journalisten betont. Robby (Michael Keaton), Mike (Mark Ruffalo), Sacha (Rachel McAdams) und Matt (Brian d'Arcy James) bilden Spotlight, das Investigativteam der Tageszeitung The Boston Globe, das Kindesmissbrauchsvorwürfen an die katholische Kirche nachgeht. Dass das Ergebnis ein landesweiter Skandal sein wird, der bis in die höchsten Kreise reicht, ahnen sie noch nicht.

Tom McCarthy verfilmte mit "Spotlight" wahre Begebenheiten: 2002 enthüllte der "Boston Globe" den jahrzehntelangen Missbrauch, dessen Vertuschung und die Einschüchterung der Opfer durch Kirche und Justiz. In seinem unaufgeregt-nüchtern erzählten Drama rollt McCarthy die mühevolle Recherchearbeit auf, die 2001 begann. Als Fliege an der Wand begleitet das Kinopublikum das Team zu Gesprächen mit Missbrauchsopfern, Anwälten, Kirchenvertretern, zu Gerichtsterminen und in Archive.

"Spotlight" verlässt die journalistische Perspektive nie, erzeugt damit aber nicht weniger Beklemmung, zumal die Globe-Mitarbeiter anhand des Ausmaßes der Verbrechen zunehmend persönlich reagieren. An diesem Punkt zeigt sich die Intelligenz des Films - der auch einen kritischen Blick auf die Medien wirft - besonders: Mit einem Minimum an Details aus dem Privatleben der Hauptfiguren skizziert "Spotlight" anhand ihrer Reaktionen die massive Erschütterung eines Wertekanons. Den Abgrund, der sich in einem vermeintlich sicheren, gemeinschaftsbildenden Umfeld auftut, auch wenn es nur - wie etwa für Mike - eine schöne Kindheitserinnerung ist.

Ab Fr im Kino (OF im Artis, OmU im Filmcasino)


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