Ein Faust in Puppenhand

Nikolaus Habjans überzeugende Short Version von Goethes "Faust I" am Grazer Next Liberty

Lexikon | Hermann Götz | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016

Goethes "Faust" für die Jugend? Ein gewagtes Unternehmen. Zwar tauchen die Klassiker immer öfter am Jugendtheater auf - das ergibt schließlich Synergien mit dem Deutschunterricht -, aber diesen Koloss fürs Schülerpublikum zurechtzustutzen ist dann doch ein besonderes Unterfangen. Aus diesem Grund hat das Grazer Next Liberty wohl auch einen besonderen Künstler für die Inszenierung geholt. Der studierte Opernregisseur Nikolaus Habjan ist ein begnadeter Puppenkünstler, dessen Figurentheater mit untrüglichem Gespür die richtigen Saiten anschlägt, um Momente intimer Poesie entstehen zu lassen. Für den "Faust" steht Regisseur Habjan zwar leider nicht selbst auf der Bühne, doch er hat Puppen gebaut - für Teufel, Gott und Hexe. Die Nostalgie, die dieser Zugang atmet, wird von Jakob Brossmanns gemalter Kulissenbühne noch einmal unterstrichen. Solch schnippische Verweise auf die Goethezeit kontrastieren dann mit atomsphärischer Musik, viel buntem Licht und einer Tanz-den-Techno-Hexenküche. Sagen wir so: Es irrt der Mensch, solang er strebt - und sei es nach vermeintlich jugendlicher Ästhetik. Man merkt die Absicht und man ist verstimmt.

Stimmig hingegen präsentiert sich die kluge Strichfassung. Als virtuoser Erzähler führt Habjan die Figuren flott durch den "Faust", und doch schmerzt ihre Eile nicht. Geschickt webt der Regisseur Witz in die Tragödie und entstaubt antiquierte Momente - alles ohne seinem Goethe Gewalt anzutun.

Manuela Linshalm glänzt mit und als Mephistopheles, Helmut Pucher steht nicht nur hinter Habjans müdem alten Gottgroßvater, er gibt auch eine burschikose Marthe, Sebastian Mock wiederum verwandelt sich vom Büchernarren Wagner in eine der Erotik des Teufels verfallene Hexe. Vor allem aber schaffen Klaus Huhle und Alice Peterhans als Heinrich und Grete eine feine Balance zwischen Nähe und Distanz zum erhabenen Ernst des Dramas.

Nikolaus Habjan präsentiert der Tragödie ersten Teil als Geschichte ohne moralische Gebrauchsanweisung. Da ringt das narzisstisch hochbegabte Mannsbild nach Sinn und geht dabei über Leichen, Margarethe mag Mephisto nicht (Frauen haben eben das bessere Bauchgefühl) und vom Spaßfaktor her ist die schiefe Bahn auf jeden Fall überlegen. That's it. Erst ganz zum Schluss entfaltet die Regie ihre Haltung: Nicht Gott rettet Grete, sie spricht sich selbst frei. Und Faust verschwindet hin-und hergerissen zwischen Gut und Böse im verlöschenden Bühnenlicht. Dunkelheit verschlingt die letzten Krümel zweier schmackhaft aufbereiteter Faust-Stunden.


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