Film Neu im Kino

Sozialstaatssouvenirs der Michael-Moore-Europatour

Lexikon | Dr. Robnik | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016

Michael Moore wird im Alter weich. Schon zur Zeit seiner Dokusatiren-Hits "Bowling for Colombine" und "Fahrenheit 9/11" kein Leichtgewicht, ist er nun etwas schwabbelig schlaff. Reduziert sich deshalb seine scheinnaive Interaktion mit Leuten vor Ort in "Where to Invade Next" auf Sitzplauscherln? Das Sujet der Europa-Eroberungsreise gibt wenig her.

Weich wird Moore auch im Ansatz: nicht immer nörgeln, auch mal was positiv sehen. Sein gespieltes Staunen, das sonst den Irrsinn von Amerikas Kapital- und Staatsmacht quittiert, gilt nun guten Ideen, die er als Invasorenbeute einheimst: bezahlter Urlaub in Italien, ganzheitliche Schulbildung in Finnland - eine Revue gesamteuropäischer Lösungen. Die sind hier zu sehr als mentalitäre Vorzüge dargestellt, zu wenig als Resultat sozialer Kämpfe oder von Reformpolitik. Und um Kontraste zu Amerikas entfesseltem Markt und Sozialkahlschlag zu betonen, bräuchte es kein derart idyllisiertes Europabild. Wäre Moore ein echter Schelm, dächte er bei seinem Deutschlandpanorama mit Happy Hackler und zuhören könnendem Chef wohl an Aufstockerjobs und Reichtumsschere. Stattdessen verknüpft er wellnessende Bayern mit Hitlerarchivbildern - um dann Deutschland als Geschichtsschuldkulturmeister zu feiern, von dem Amerika lernen könne. Zum Rassismus in der US-Geschichte und -Gegenwart bietet Moore einige gute Pathosmontagen: von Drogenfreigabe in Portugal über die Kriminalisierung von Black Power im War on Drugs zum Strafvollzug, liberal in Norwegen, brutal in USA. Feministisch der Endspurt, bewegend die kritischen Worte einer Tunesierin an Amerika. Zuletzt forciert Moore Optimismus vor Ruinen der Berliner Mauer: So plötzlich war sie weg; gutes Timing 1989. Schlechtes Timing 2016: Von den Zäunen, die so plötzlich da waren, zeigt der Film nichts.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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