Selbstversuch

Leider ist es gar nicht romantisch

Doris Knecht wirft wieder einmal den Eiswürfel ein

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016

Um den Valentinstag herum ist der Clip wieder verstärkt auf Facebook aufgetaucht, als ein Beweis dafür, dass wahre Liebe niemals ende. Man sieht darin die Künstlerin Marina Abramović während ihrer Ausstellung "The Artist Is Present" im MoMA New York, 2010.90 Tage lang saß sie sieben Stunden am Tag an einem Tisch, die Ausstellungsbesucher konnten sich ihr gegenübersetzen und ihr eine Minute lang in die Augen sehen. In dem kurzen Clip, der meistens mit Sätzen wie "Was dann passiert, ist herzergreifend" angekündigt wird, sieht man erst ein paar dieser Augenblicke, dann löst sich ein Mann aus dem Publikum: Es ist der Künstler Ulay, mit dem Abramović in den 80ern eine intensive künstlerische wie private Partnerschaft hatte. Er setzt sich hin, ein elegischer Soundtrack erklingt, Abramović schlägt die Augen auf, erkennt Ulay, lächelt, ihre Augen füllen sich mit Tränen, schließlich streckt sie die Hände nach ihm aus. Es ist, wenn man es zum ersten Mal sieht, extrem ergreifend, vor allem, wenn man zuvor den dem Video häufig beigefügten Text gelesen hat: dass Ulay seine alte Liebe mit seinem Besuch überrascht habe und sie sich zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren wiedersehen. True Love.

Jedes Mal, wenn das Video irgendwo auftaucht, wird es sofort wie verrückt weitergeteilt: wahnsinnig romantisch! Leider stimmt das so nicht, wie jeder weiß, der den ganzen Dokumentarfilm gesehen hat. Denn die Begegnung war keineswegs spontan, sondern gut vorbereitet: Abramović empfing Ulay zuerst in einem Appartement, fuhr dann mit ihm Upstate und kochte ihm Zucchini-Spaghetti, scharf.

Abramović ist aufgedreht, aber Ulay wirkt in ihrer Gegenwart die ganze Zeit unbehaglich, und wenn man es sehen will, sieht man, dass das auch später, während der Performance im MoMA, nicht anders ist. Und das ist dann eher unromantisch: Denn der nicht mehr so bekannte Ulay dürfte hier wohl einfach eine Möglichkeit gesehen haben, von seiner solo nun weltberühmten Expartnerin Abramović auch ein wenig zu profitieren. Er hat sie dann auch verklagt. Liebe endet doch.

Wenn wieder einer dieses Video bebenden Herzens teilt, muss man das leider immer hinschreiben. Andere schreiben das auch hin, wobei einer sich kürzlich für die Zerstörung der zauberhaften Illusion entschuldigt und angeboten hat, den Hinweis auf die Wahrheit wieder zu löschen. Weil die meisten Leute die Wahrheit gar nicht wissen wollen, teilen sie es dennoch und beharren darauf, es sei trotzdem schön, weil sie das warme Gefühl, das sie bei der Betrachtung durchfuhr, nicht aufgeben oder als falsch überführt wissen wollen. Und das ist vielleicht auf die entgegengesetzte Weise ein bisschen ähnlich, wie wenn auf Facebook falsche Gerüchte über Flüchtlinge in Umlauf gesetzt werden: Es geht darum, ein Gefühl zu fühlen, hier halt ein gutes, dort ein negatives. Falsch ist beides. Der Film "The Artist Is Present" ist übrigens extrem empfehlenswert, und Abramović ist einfach großartig, ohne Ulay.


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