Zeit am Schirm

TV-Kolumne

Medien | Matthias Dusini | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016

Einer der Lieblinge in der Welt der TV-Serien ist Saga Norén in "Die Brücke - Transit in den Tod" (die dritte Staffel läuft im ZDF). Die schwedische Kommissarin hat die Symptome eines Asperger-Syndroms, einer milden Form des Autismus. Saga Norén ist eine Art moderner Sherlock Holmes, besonders stark in Analyse, schwach in Empathie - und damit ein Vorbild auch für eine unbestechliche Kunst- und Literaturkritik.

Kritikerinnen und Kritiker tendieren oft zu einer Fanhaltung, die ihnen den nüchternen Blick auf die Dinge verunmöglicht. Die Kommissarin hingegen lässt sich nicht von Sympathien leiten, sondern wertet die Indizien aus und formuliert dann die These. Auch Kollegen und Kolleginnen kommen als Tatverdächtige infrage, ein wohltuender Kontrast zu dem im Kulturjournalismus verbreiteten Familiarismus. Die starke Beobachtungsgabe erlaubt es Saga Norén, die Reaktionen auf ihr kühles Verhalten zu registrieren. Wenn sie sich geirrt hat, ist sie weder stur noch wehleidig, sondern entschuldigt sich. Wie bei einer guten Kritikerin kommt das aber so gut wie nie vor.


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