Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die beste Fitnessgeißel der Welt der Woche

Feuilleton | Nicole Scheyerer | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016

Nach erholsamen Nächten gratuliert er mir gleich in der Früh. "Bravo, du hast dein Ziel erreicht!", lautet das Lob meines Fitnesstrackers nach acht Stunden Schlaf. Dieses "Ziel" schaffe ich Nachteule aber höchstens einmal die Woche.

Auf sich selber schauen ist einfach nicht so leicht. Gesund essen, genug schlafen, regelmäßig Sport: Warum nicht wenigstens die Kontrolle darüber auslagern?

Auf meinen Wunsch hin brachte mir das Christkind eines jener Fitnessbänder, die ich letztes Jahr noch für ein neues Teufelswerk des Facebook-Google-NSA-Komplexes hielt.

Aber Biopolitik hin oder her, nach einer Gelenksoperation wollte ich mein Hinkebein endlich wieder flottkriegen - am besten mit den 10.000 Schritten täglich, die die WHO empfiehlt.

In der Rehaklinik kippte ich dann in den Sog der Selbststatistik: Keine Minute Krafttraining, Heilgymnastik und Unterwasserhüpfen blieb unverzeichnet. Weniger für mein Bein als für die Bilanz benutzte ich die Stiegen und marschierte im Wienerwald.

Mein Armband horcht auf mein Herz. Sein Aktivitätszähler springt an, wenn ich mich länger als zehn Minuten bewege, und er registriert sogar die Unruhephasen im Traum. Bin ich damit Konformistin einer schleichenden Gesundheitsdiktatur, wie sie etwa Julie Zeh in ihrem Scifi-Roman "Corpus Delicti" ausgemalt hat?

Mag sein. Einstweilen freut es mich, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben an 52 Tagen hintereinander geradelt, geschwommen, gewalkt oder schlicht spazieren gegangen bin. Meine Fitness-Big-Sister hat mich dazu animiert.

Jetzt möchte sie noch, dass ich meine Erfolge share und mich auf Wettkämpfe einlasse. Aber ich wiege mich lieber in der Illusion, dass nur die App und ich mein Schlafdefizit kennen.


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