Stadtrand Urbanismus

Keine Mauern mehr

Birgit Wittstock über die Tücken des Zuspätkommens

Stadtleben | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016

Die Wiener Pünktlichkeit ist bekanntermaßen situationselastisch: überpünktlich, geht es um die eigenen Belange, eher relaxt, wenn es um die der anderen geht. Folgende Anekdote - der persönlichen Betroffenheit wegen: Samstag war's, das Wetter schön, also ließ man sich zu einem Ausflug hinreißen. Ein bisserl durch den Lainzer Tiergarten flanieren: Man keucht hinauf zum Rohrhaus. Es dämmert bereits, aber das Tor steht ja bis 18 Uhr offen, also muss ein schneller Kaffee drinsein - denn ohne Einkehr verdient der Ausflug seinen Namen nicht.

Der Rückweg erfolgt im Stechschritt. Es ist inzwischen zappenduster, aber noch sind andere Stimmen zu hören. Der gatschige Boden und die Finsternis tun ein Übriges: Die Uhr zeigt 18.05 Uhr an. Absolute Stille und - das Nikolaitor ist versperrt. Nix akademische Viertelstunde. Gnadenlos zugesperrt, keiner mehr da! Nun ist die Mauer mit einer durchschnittlichen Höhe von 2,3 Metern nicht unüberwindbar, aber man fragt sich nach getaner Kletterei, was man in höherem Alter oder mit Kind im Schlepptau getan hätte. Ein peinlicher Feuerwehreinsatz? Oder fortan ein Leben in der Wildnis?


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