Banker-Lokale von heute

Das erste Lokal im Hauptbahnhof-Stadtviertel hat offen. Es ist normal

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 08/16 vom 24.02.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Einstweilen ist der Großteil des Quartier Belvedere ja noch eine Baugrube, aber bei dem Tempo, mit dem hier gearbeitet wird, wahrscheinlich nicht mehr lang. Plakate verkünden schon, wie das dann aussehen wird, mit seinen coolen Glasfassaden, seinen Patios und Geschäftspassagen – nämlich genau so wie überall auf der Welt, wo Trabantenstädte aus der Erde gewuchtet werden.

Das kann man vom sogenannten Erste Campus, der seit Jänner 2010 am Platz des ehemaligen Südbahnhofs (Trauerminute) gebaut und seit Anfang des Jahres von etwa 1000 auf 20 Standorte verteilten Bankmitarbeitern besiedelt wird, jedenfalls nicht sagen. Die Architekten Henke und Schreieck sorgten da für ein Ensemble aus geschwungenen Glasgebäuden, das man sich durchaus gerne ansieht.

Und weil der Campus ein bisschen lebendig sein soll, wurde auch an öffentlich zugängliche Gastronomie gedacht, etwa mit einem Café George und einem Mittagslokal, das vom Mochi-Team beraten und ab Sommer interessante Asia-Küche bieten wird. Und dem Campus Bräu, dem einzigen extern betriebenen Lokal, das Anfang Februar eröffnete.

Das Campus Bräu ist ein Format-Lokal reinster Schule. Es wurde vom Marktführer in Sachen „gastronomische Komplettausstattung“, Derenko, nach dem Modell „Amerikanisches Bierlokal“ gestaltet – mit jeder Menge Holz, jeder Menge Ziegel, jeder Menge Graffiti, jeder Menge Sitzpulten. Und was ist mit Fliesen und Kreidetafeln, die dürfen doch auch nicht fehlen? Stimmt, Fliesen und Kreidetafeln sind vorhanden.

Das Lokal ist riesig, mittags von 12 bis 13.30 Uhr auch ziemlich voll mit Büromenschen, der Service steckt in weißen Blusen, Schürzen, Jeans mit Hosenträgern und versprüht amerikanisch-positive Lebenseinstellung. Die Gäste gehören der „Generation Friends“ an, haben die Sakkos abgelegt und finden das alles super.

Die Karte besteht aus Gerichten, die einerseits jeder kennt und die andererseits in wenigen Sekunden zubereitet werden können. Die Garnelen im Tontopf waren akkurat aufgetaute Tiefkühlshrimps in einer Art Salsa, dazu gab’s Baguettescheibchen, die mit Knoblauch eingerieben wurden (€ 11,90), die Ravioli à la Campus Bräu erwiesen sich als sechs mächtige Teiggebilde mit undefinierbar weißer Füllung, ebenfalls tadellos aufgetaut und von einer Zwiebel-Speck-Melange ihrer Fadheit beraubt (€ 9,50).

Das Menü bestand an diesem Tag aus einer Brokkolicremesuppe, die Erinnerungen an die NIG-Mensa wachrief (Campus-Bezug, endlich!), einem Hühnerschnitzel mit Risipisi (aus Reis, der niemals klebt, und zwölf Erbsen) sowie einer passablen Mascarponecreme (€ 8,90). Der Kaffee ist mäßig, das Bier stammt von Stiegl. Das Campus Bräu ist ein Lokal, nach dem man sich zumindest wieder auf die Arbeit im Büro freut. Das ist nicht nichts.

Resümee:

Ein Bierlokal wie aus der amerikanischen Vorabendserie. Mit properem Styling und Essen, das niemandem wehtut. Purer Mainstream.

Campus Bräu

10., Wiedner Gürtel 1, Tel. 01/769 15 89, Mo–Fr 10–2 Uhr, www.campusbraeu.at


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