Kunst Kritik

Von Lenin zum Zar: Avantgarde à la Albertina

Lexikon | MD | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016

Die Albertina erzählt in "Chagall bis Malewitsch" die Geschichte der russischen Avantgarden, die Anfang des 20. Jahrhunderts mit den Regeln der akademischen Kunst brachen. Marc Chagall ist für märchenhafte Bilder bekannt, Malewitsch für seine radikalen Abstraktionen, etwa das 1915 entstandene "Schwarze Quadrat". Die beiden sind Antipoden, denn sie symbolisieren fantastischen Eskapismus und revolutionären Utopismus. Während Chagall sich kurz nach der Oktoberrevolution ins Ausland absetzte, engagierte sich Malewitsch für den neuen Menschen.

Die Schau greift auf Leihgaben aus russischen Museen zurück und ist in stilistische Kapitel unterteilt. Ein Raum ist Wassily Kandinsky gewidmet, der durch den Okkultismus zur Abstraktion kam. Ein weiterer Saal präsentiert den Konstruktivismus, der sich durch Geometrie von dem Dogma der Wirklichkeitsnachahmung verabschiedete. Am wenigsten bekannt sind die "analytischen Visionen" Pawel Filonows, der kubistische Formen mit altmeisterlicher Technik verband.

So futuristisch viele Arbeiten auch sein mögen, die Ausstellung selbst ist rückwärtsgewandt. Zur Fortschrittsidee der Avantgarde gehörte auch ein Abschied von der Malerei, was sich in einer reinen Malereiausstellung kaum vermitteln lässt. Fotografie und Film, die revolutionären Medien, kommen lediglich in begleitenden Kurzfilmen über die Geschichte der Sowjetunionen vor, ohne dass ihre Urheber gewürdigt würden. Lenin, der Gründer des Sowjetstaates, war die Ikone der kommunistischen Propaganda. Er ist in Form einer kleinen Plastik präsent. Folgt man seinem Blick, holt den Betrachter die überwunden geglaubte Vergangenheit ein: Zwei Räume weiter haben die Kuratoren Büsten des letzten Zarenpaares platziert, als wollten sie den Diktator mit dem Anblick seiner Opfer konfrontieren.

Albertina, bis 26.6.


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