Ohren auf Klassik

Wenn zwei junge Wilde einander das Ja-Wort geben

Feuilleton | MIRIAM DAMEV | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016

Was ist jene Kraft, die unsere Herkunft und unser Erbe ans Tageslicht bringt?", fragt der griechische Dirigent und Musiker Teodor Currentzis in den Linernotes zur Einspielung von Igor Strawinsky "Le Sacre du Printemps" (Sony)."Es ist der Tanz: ekstatisch in Bewegung." Ekstatisch? Genau das Richtige für Currentzis, der bei Strawinskys Skandal-Ballett mit seinem sibirischen Ensemble Music- Aeterna so richtig aus dem Vollen schöpft und das "Frühlingsopfer" als üppiges Kaleidoskop an Farben und Stimmungen erklingen lässt.

Wenn Teodor Currentzis mit seinem Orchester spielt, bleibt kein Ton auf dem anderen. Das gilt im selben Maße für die moldawisch-österreichische Geigerin Patricia Kopatchinskaja, Currentzis partner in crime. Jetzt haben die beiden Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Violinkonzert und Igor Strawinskys "Les Noces" (Sony) aufgenommen. Da treffen zwei junge Wilde aufeinander, denen es mit Enthusiasmus und Mut zum Risiko gelingt, selbst Klassikern der Musikliteratur aufregende Klangerlebnisse zu entlocken.

Wahrscheinlich wird Tschaikowskis Violinkonzert nicht allen wohl bekommen. Kopatchinskaja hat den Gassenhauer gnadenlos von seiner Patina befreit. Keine Spur von pseudoromantischer Opulenz, stattdessen Musik mit Ecken und Kanten, die schon auch einmal unbehaglich daherkommen darf. Für das Cover geben Kopatchinskaja und Currentzis übrigens ein Brautpaar, passend zu Strawinskis "Les Noces", wo bis in den Morgen getanzt wird und der Wodka in Strömen fließt.

Wer auf dunkle Romantik steht, dürfte an Kopatchinskajas Interpretation von Schumanns Violinkonzert Gefallen finden, erschienen auf dem Album "Robert Schumann. Complete Symphonic Works, Vol. IV" (audite). Am Rande des Wahnsinns komponiert, gerät es in ihrer Interpretation zur düsteren Reise in die Abgründe des Seelischen, die am Ende in einem unheilvollen Danse Macabre gipfelt.


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