Kunst Kritik

Die lebenslange Liebe zu den Nymphen

Lexikon | NS | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016

Was ist die Retrospektive eines Künstlers wert, in der seine bekanntesten Werke fehlen? Das Kunstforum zeigt erstmals in Österreich den französischen Maler Balthus (1908-2001), aber die echten Knüller seines Œuvres konnten nicht entliehen werden. Balthus' provokanteste Gemälde wie "Die Gitarrenstunde","Thérèse träumend" oder "Die glücklichen Tage" fehlen; vom Hauptwerk "Die Straße", das im New Yorker MoMA hängt, ist zumindest die erste Fassung vertreten. Dennoch lohnt die Schau, denn die erotische Malkunst des Stil-Solitärs lässt sich auch an der aktuellen Auswahl gut studieren.

Beim Betreten der Schau fällt der Blick auf das frontal gehängte "Patience-Spiel", das eines von Balthus' typisch selbstvergessenen Mädchen zeigt. Schon an diesem Gemälde wird das besondere Flair deutlich, das seine Malkunst produzierte: einerseits die Ruhe einer bürgerlichen Wohnung und einer stromlinienförmigen Mädchenfigur, andererseits eine latente Spannung, Ungeduld und ein gewisses Unbehagen. Bisweilen erinnern die Figuren an Gliederpuppen wie bei Giorgio de Chirico. In seinen Porträts war er wenig aufs Schmeicheln aus.

Herrlich arrogant verewigte Balthus sich selbst als "König der Katzen", dann wieder zeigt "Die Katze des Mittelmeers" einen Kater mit Messer und Gabel, dem die Fische aus einem Regenbogen zufliegen -so viel Verrücktheit bleibt bei dem Antimodernisten jedoch Ausnahme. Höchstens blickte der Künstler mal aus dem Fenster und schuf entrückte Straßenszenen. Am wenigsten überzeugen seine Landschaften und die Bühnenbilder, die enttäuschend konventionell sind. Bleiben die Nymphen, die ihn noch faszinierten, als er den Pinsel schon nicht mehr führen konnte. In Polaroids fing er sein letztes Modell Anna ein, leicht entblößt und immer in derselben Pose.

Kunstforum, bis 19.6.


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