"Haben Sie schon Winterreifen?"

Zynismus mit Charme: Der deutsche Kabarettist Hagen Rether kommt ins Wiener Konzerthaus

Lexikon | Porträt: Stefanie Panzenböck | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016


Foto: Antonio Mateo

Foto: Antonio Mateo

Auf Hagen Rethers Flügel liegen Bananen und ein Putztuch. Im Anzug, weißen Hemd und mit streng zurückfrisierten Haaren, die er zu einem Zopf gebunden hat, schlendert er auf die Bühne, setzt sich in einen Schreibtischsessel, der vor dem Instrument steht.

„Na, wie ist die Freiheit?“, fragt der deutsche Kabarettist ins Publikum. „Lassen Sie uns doch mal die Freiheit genießen!“ Er schließt die Augen, brummt genüsslich vor sich hin und sagt: „Jetzt war sie grad da, haben Sie’s bemerkt?“

Im Laufe des Abends wird er immer wieder aufstehen und mit dem Putztuch sorgfältig über die ohnehin glänzende Oberfläche des Flügels wischen, sich eine Banane nehmen, sie langsam schälen und aufessen. Das durchs Mikrofon verstärkte Schmatzen klingt dann etwas unappetitlich.

Hagen Rether, 45, ist so weit weg von schneller Schenkelklopfer-Comedy wie Kant von Kantwurst. Sein Metier ist tiefgründiger Humor, der sich nicht selten zum Zynismus auswächst.

Hin und wieder gewährt er seinem Publikum befreiendes Lachen. Doch dann spaziert Rether sogleich weiter zum nächsten menschlichen Abgrund, über den er sich grinsend beugt. Kurz bevor die Stimmung ins Depressive zu kippen droht, wendet er sich abrupt dem Publikum zu und fragt: „Haben Sie eigentlich schon Winterreifen?“

Zugegeben, Rethers Auftritte wirken etwas selbstherrlich, wie er weit zurückgelehnt in seinem Sessel hängt, mit tiefer Stimme und etwas pikiertem Unterton Weltpolitik, Kulturlosigkeit, die Medien und den Rest kommentiert. Doch er ist ein Meister und gleichzeitig ein Eremit seines Fachs, des politischen Kabaretts in seiner Reinform. Vergleichen kann man ihn mit niemandem.

Hagen Rether wurde als Sohn siebenbürgischer Eltern in Rumänien geboren. Als er vier Jahre alt war, zog die Familie nach Deutschland. Heute lebt er in Essen. Seit seiner Kindheit spielt er Klavier, bevor er seine eigenen Soloprogramme auf die Bühne brachte, war er als Pianist für den Kabarettisten Ludger Stratmann tätig.

Wobei es im Grunde nur ein Soloprogramm ist, das er seit 2003 spielt. Es heißt „Liebe“ und hat mittlerweile einige Aktualisierungen erfahren. Worauf sich der Titel gründet, lässt sich nicht feststellen, die Liebe an sich kommt im Programm so gut wie gar nicht vor.

Rether zelebriert die Langsamkeit. Seine Auftritte dauern oft drei bis vier Stunden, er holt weit aus und erhebt nicht selten den moralischen Zeigefinger. „Wir picken uns das raus, was wir wollen. Bei Julia Timoschenko bitten wir drum, dass sie in einem deutschen Krankenhaus behandelt werden darf, den Snowden nehmen wir nicht auf. Wie wir es halt brauchen. Wir sind eh die Geilsten. Als wir dem Saddam Hussein damals Giftgas verkauft haben und der dann Israel bedroht hat, haben wir den Israelis noch Gasmasken verkauft. Unsere Moral möcht ich nicht haben. Das ist richtig abgefuckt.“

Eines von Rethers Lieblingsthemen ist die Religion. Vor allem am Islam und an der katholischen Kirche arbeitet er sich gern und genüsslich ab. In einer früheren Form von „Liebe“ war sein präferiertes Satireobjekt Papst Benedikt. „Der Stellvertreter Gottes auf Erden ist also ein verbitterter, verstockter deutscher Katholik, mit Augenringe wie die Panzerknacker. So ein Gesicht kriegt man also, wenn man 80 Jahre lang die Menschen liebt. Das kommt wahrscheinlich vom vielen Frohlocken!“

Nachsatz: „Vor zwei Wochen hat der Ratzinger die Vorhölle abgeschafft. Ja! Haben Sie’s auch gelesen? In der Zeitung stand’s. Ende April hat der die Vorhölle abgeschafft. In den Psychiatrien sitzen Leute für weniger.“

In der aktuellen Version macht sich Rether Gedanken über die Belohnung für islamistische Selbstmordattentäter. Die Euphorie über 72 Jungfrauen kann er nicht nachvollziehen. „Wenn ich 72 Jungfrauen hätte, ich würde mich in die Luft sprengen. Aber am selben Tag noch. Mit denen hat man doch nur Arbeit!“ Und was, wenn man den 72 Jungfrauen doch nicht entkommt? „Da kannste dann schön am Stück von morgens bis mittags was weg entjungfern. Ich hab schon neun Stück, ich hab nur noch 63!“

Hagen Rether ist ein Kleinkunst-Philosoph, der Menschen auch zum Lachen bringen kann. Aber eigentlich will er, dass sein Publikum zum Nachdenken anfängt oder mit ihm gemeinsam dem „letzten Tabu“, der Langeweile, frönt.

Wer die Person hinter dem Kabarettisten ist? Darüber kann nur spekuliert werden. Rether gibt keine Interviews, und während seines Programms verzichtet er auf die bei Komikern immer häufiger werdende Angewohnheit, Sätze mit „Da habe ich zu meiner Frau gesagt …“ zu beginnen.

Einzig sein Wettern gegen zu hohen Fleischkonsum ist wohl auf eigenen Vegetarismus zurückzuführen. Und bei Auftritten verteilen die Organisationen Attac und Amnesty International Informationsmaterial. Bei ihnen ist Rether nämlich Mitglied.

Konzerthaus, Mo, Mi 19.30


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