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Mit dem Drachen ins Herz fliegen

Medien | BETRACHTUNG: BENEDIKT NARODOSLAWSKY | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016

Zu Weihnachten vor einem Christbaum mit roten Kugeln saß ein ergrauter Mann und amtete schwer. "Ich bin davon überzeugt, dass das, was uns gegenübersteht, eine organisierte Invasion und keine spontane Flüchtlingsbewegung ist", sagte Miloš Zeman, tschechischer Staatspräsident, in die Kamera, während vier Kerzen des Adventkranzes flackerten. Bevor er seinen Staatsbürgern lächelnd ein frohes neues Jahr wünschte, sagte er streng: "Dieses Land ist unser Land, es ist nicht für alle da und kann auch nicht für alle da sein."

Die tschechische Republik zählt in der Flüchtlingskrise zu den Scharfmachern in der EU, sie rät jungen Asylwerbern, umzukehren und gegen den Islamischen Staat zu kämpfen. Das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR), das sich für eine menschenwürdige Behandlung der Flüchtlinge und eine faire Verteilung in Europa einsetzt, wird von tschechischen Politikern öffentlich angefeindet.

Das UNHCR reagiert darauf mit einer Solidaritätskampagne, das die Geschichte von ehemaligen tschechoslowakischen Flüchtlingen erzählt. Sie verfilmte etwa jene von Josef Hlavatý, geflohen im Jahr 1988: Eine Familie im Wald, im Autoanhänger ein selbstgebauter Motordrache. Die Großeltern nehmen Abschied, im Dunkeln startet der Trabantenmotor des Drachen. Hlavatý flieht mit seinem Sohn vor der Repression der Kommunisten, die ihm alle Chancen nimmt. Der Drache steigt auf in der Nacht, der Sohn klammert sich am Vater fest.

"Es war Leben oder Tod", sagt die Stimme aus dem Off. Die spektakuläre Flucht gelingt, die beiden Tschechen landen in Österreich. Am Ende erscheint nur ein Satz: "Einst waren wir die Flüchtlinge."


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