Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Der beste Sackerlpoet der Welt der Woche

Feuilleton | SEBASTIAN FASTHUBER | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016

Kotzbeutel. Spucktüte. Oder, viel schöner: Speibsackerl. Man kennt die Dinger aus Flugzeugszenen in Klamaukfilmen, wo sie Anlass für Ekelwitze bieten. Sofern sie nicht gerade dringend gebraucht werden, fristen sie ein unbeachtetes Dasein. Was für eine Verschwendung, dachte sich Nick Cave. Der australische Singer/Songwriter und Autor griff sich im Rahmen seiner Nordamerika-Tournee 2014 bei jedem Flug ein Sackerl, um später im Hotel oder backstage vor dem Konzert Texte darauf zu kritzeln.

Als Resultat steht mit dem wunderschön aufgemachten, zweisprachigen Buch "The Sick Bag Song. Das Spucktütenlied" keine Aneinanderreihung banaler Aufzeichnungen vom Leben on the road, sondern ein Dokument von Caves rastloser Kreativität.

Ein Regenguss von Assoziationen, Traumbildern, Rückblenden in die Kindheit und spontanen Songtext-Entwürfen prasselt auf den Leser ein. Und immer wieder bittet Cave um Beistand: "Unterm Bettlaken halte ich die Spucktüte ans Ohr und schüttle sie. Ich höre das Rasseln der Embleme der neun Musen."

Zwei Schlüsselszenen sind die Erinnerungen an Begegnungen mit seinen Helden Bryan Ferry und Bob Dylan. Ferry beklagte sich, seit drei Jahren keinen Song mehr geschafft zu haben. Cave schrieb daraufhin in der Nacht wie ein Besessener Song um Song. Die Begegnung mit Dylan wiederum geriet zum banalen Smalltalk: "Hey, mir gefällt, was du machst, sagte er zu mir. Mir gefällt auch, was du machst, antwortete ich." Worauf bei Cave zur Strafe drei dürre Jahre folgten.

Seither scheint es die größte Sorge des Songdichters zu sein, dass es mit seiner schöpferischen Kraft irgendwann vorbei sein könnte: "Irgendwo habe ich gelesen, meine beste Arbeit liege hinter mir." Unsinn, beweist dieses Buch.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige