Wien Marathon Siegmar Schlagers Lauftagebuch

Laufende Sinnkrise

Stadtleben | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016

Ich war seit Jahresbeginn zwei Mal laufen, nein, eigentlich drei Mal, denn da war ja auch noch die Laufvideoanalyse. Also ist das ein Nichtlauftagebuch.

Die Laufvideoanalyse war eh super. Ich habe gelernt, dass ich eigentlich alles falsch mache: Mein Tempo ist zu niedrig. Die Beine bewegen sich zu wenig. Die Fußsohlen kommen im falschen Winkel auf, jeder Bodenkontakt ein Aufprall! Die Arme baumeln seltsam, woher soll da Dynamik kommen? Der Kopf in einer Schwammerlsucherhaltung. Ich muss ein (imaginäres) Ziel in der Ferne fixieren. Wahlweise das Lusthaus oder den zu einem Ufo-Landeplatz umgebauten Praterstern. Weshalb ich bei einer lusttötenden Betätigung gerade das Lusthaus fixieren soll, bleibt ein Rätsel. Zu meiner Ohrenhaltung hat Trainer Walter nichts gesagt, offenbar ist sie tadellos.

Ich gewinne den Eindruck, ein schwerer Fall zu sein. Folgende Therapie bekomme ich verschrieben: a) laufen, b) dabei eine Minute das linke Bein ordentlich (!!) anheben, c) dann das rechte Bein eine Minute ordentlich anheben, d) alles mit Tempo (!), e) dazwischen jeweils eine Minute zur Erholung gehen, f) 20 Minuten lang.

Erster Versuch: Start beim Ufo-Landeplatz (die Stadt sollte hier ein intergalaktisches Zentrum errichten). Eine Minute Bein heben, abwechselnd. Aber: Wie lange ist eine Minute (ich vermisse eine Stoppuhr)? Im Laufen lang, im "Erholungs-"Gehen kurz? Vermutlich. Ich wechsle ab. Bekomme das Gefühl, von allen durch die Hauptallee Trabenden seltsam beäugt zu werden (überholt werde ich ohnehin permanent). Und halte durch. Bis auf Höhe der Skaterbahn. Dann bin ich fertig. Physisch ohnehin, mental auch (Sinnkrise!). Die verbleibende Zeit wechsle ich ins Fach der empirischen Sozialforschung: Ich übe im Gehen die "teilnehmende Beobachtung". Von Läufern. Resümee: Ich kaufe eine Stoppuhr!


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