Ulrichs fettes Brot

Das Ulrich hat eine Filiale am St.-Ulrichs-Platz, die trotzdem Erich heißt

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 09/16 vom 02.03.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Nein, mit dem Friseur hat das Lokal nichts zu tun. Aber umso mehr mit Gerald Bayer, dem alten Motto-Haudegen, der vor zwei Jahren das schon etwas angeranzte Lokal Spatzennest am St.-Ulrichs-Platz übernahm und da ein an Nettigkeit kaum zu übertreffendes Lokal für erfolgreiche Jungmenschen machte. Dieses Ulrich ist jeden Tag zum Bersten voll, und fürs Frühstück muss man sich mitunter sechs Wochen vorher anmelden.

Weshalb er, um den Druck da etwas rauszunehmen, jetzt noch ein Lokal übernommen hat, das nur ein paar barocke und biedermeierliche Häuser weiter ist: das ehemalige Café Nepomuk, ein winziges Gewölbelokal, das in Sachen Patina auch schon einen beachtlichen Status erreicht hatte. Bayer ließ den Putz vom Gewölbe schlagen und weiß ausmalen, versenkte eine Lüftung im Boden, installierte eine Bar, die er ebenso wie den winzigen Extraraum mit Goldfolie verkleidete, und verpasste einem Stückchen Decke eine Art Katzenkopf-Plafond.

Mit dem Ergebnis, dass aus dem winzigen Gewölbelokal eine lässige Café-Bar namens Erich geworden ist, die nicht nur weitaus appetitlicher anzusehen ist, als es das Nepomuk jemals war, sondern auch ein ganzes Stück dramatischer wirkt als das Wunderkind Ulrich.

Und besonders erfreulich: Gerald Bayer und seine Köche ließen sich für das kleine Erich eine Karte einfallen, wie es sie sonst in Wien kaum in einer kleinen Café-Bar gibt, aber durchaus geben sollte: nämlich mit höchst erfreulichem Fingerfood, unkompliziert und ohne Trara zu essen und in Begleitung eines Gläschens Bier oder eines Cocktails so ziemlich das Beste, was man sich in solchen Situationen vorstellen kann. Tacos, zum Beispiel, in Wien seit vergangenem Sommer eh schon einigermaßen angekommen, allerdings wahrlich nicht immer so gut wie hier. Avocado-Schafkäse-Bohnencreme-Lauch-Salsa-Koriander-Limette etwa ist definitiv großartig und gehört zum Besten, was man in der Stadt derzeit vegetarisch zu essen bekommt (1 Stk. € 3,–, 3 Stk. € 7,50). Ob der Taco mit Calamari, Rucola, Limetten-Chili-Mayo und crispy Quinoa noch besser war, ist schwer zu sagen; ich würde meinen: knapp nicht (1 Stk. € 3,50, 3 Stk. € 9,50).

Außerdem gibt es fantasievoll zusammengestellte „Bowls“ mit recht viel Superfood, hab ich nicht probiert, dafür aber einen der „Grilled Cheese-Sandwiches“, ganz ohne Superfood, aber etwa im Fall der Schafkäse-Schmorzwiebel-Variante mit erfreulichem Salat und einem Tiegerl sagenhafter Kreuzkümmel-Salsa ein unglaublich gutes, fettes Brot, beziehungsweise derer vier (€ 8,50). Toller Snack, oho! Spieße gibt’s dann auch noch, Maiskolbenstücke mit Manchego und Chili etwa (€ 1,50), Tofu mit Tomaten-Paprika-Salsa (€ 2,–) oder Lachs mit Zitrone, Olivenöl und Kräutern (€ 2,50). So macht mit den Händen Spaß, so hat mit den Händen essen Sinn.

Resümee:

Ein winziges Gewölbelokal, das von einem Tschocherl zur vergoldeten Gewölbe-Bar mit dem besten Barfood der Stadt wurde.

Erich
7., Neustiftgasse 27
Tel. 01/890 64 00
tägl. 9–2 Uhr
www.erichwien.at


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige