Selbstversuch

Entschuldigung, was war nochmal die Frage?

Doris Knecht ist Beaven-Fan

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 10/16 vom 09.03.2016

So ungefähr das Beste, was heuer zum Frauentag passiert ist: Jenny Beavan. Wer' s nicht mitgekriegt hat: Die Britin hat heuer ihren zweiten Oscar bekommen, für das Kostüm von "Mad Max". Und sie holte ihn in dem Gewand ab, in dem unsereins Milch kaufen geht und ein Bier trinken: in einer Lederjacke mit Glitzer-Totenkopf-Applikation und irgendeinem bunten Schal, in knittrigen schwarzen Hosen und flachen Schuhen und ohne Makeup. Ein Teil des Publikums, vor allem Männer, entschied sich, ihren Erfolg nicht zu beklatschen, sondern ihren Auftritt mit deutlichem Naserümpfen zu kommentieren. Die Bilder gingen durchs Netz.

Welches allerdings mit überraschendem Wohlwollen reagierte. Nicht für die indignierten Herren, sondern für Scheiß-dir-nix-Beavan, die nicht bereit ist, sich dem irren Schönheitsund Haute-Couture-Kult zu unterwerfen, zu dem solche Preisverleihungen längst geworden sind. Wo es nicht mehr darum geht, für welche Leistung die prämierten Frauen ausgezeichnet werden, sondern welchen Wert auf der zehnteiligen Hübschheitsskala sie dabei erreichen. Ob sie die richtigen Kleider tragen (Anne Hathaway, wer sich erinnert), die angemessene Frisur, das perfekte Make-up. Was natürlich, weil es Mode ist, schon Spaß macht, und nicht ganz zufällig ist das Erste, was man sich am Montag nach der Oscar-Verleihung anschaut, a) die Liste der Gewinner und b) sofort die Best- und Worst-dressed-Seiten. Also, ich. Wobei man auch auf Beavan stieß. Seither bin ich glühender Fan. Beavan, eine Frau von großem Humor, sagte, erstens habe sie sich für ihre Verhältnisse durchaus fein gemacht, zweitens fühle sie sich in einem Kleid nicht wohl und könne es mit den jungen Schönheiten auf dem roten Teppich sowieso nicht aufnehmen, so what. Wo man sich natürlich als Erstes denkt: Ein unauffälliger schwarzer Anzug hätte es auch getan. Weil das von Frauen ihres Alters eben erwartet wird; quasi, man darf entweder durch Schönheit und Jugend auffallen oder überhaupt nicht.

Es ist betörend, wie Beavan mit ihrem Auftritt nicht nur darauf pfeift, sondern überhaupt auf jegliche Dresscodes, oder wie der Guardian meinte: "Beaven entschied sich nicht, subtil einige Elemente der Vorschriftenmaschine zu kritisieren - sie zerriss gleich das komplette Regelwerk." Und das wiederum verbindet sie mit Madonna, die das auch tut und die deswegen, von Männern und von Frauen, immer wieder Indigniertheit erntet: Ist die nicht langsam zu alt für dieses Styling, wäre nicht allmählich ein bisschen Dezenz angesagt?

Was war nochmal die Frage? Denn Madonna hat sie nicht verstanden. Jenny Beaven auch nicht. Und immer mehr Frauen verstehen sie nicht, sondern begreifen, was öffentliche Frauen wie Beaven und Madonna für sie tun: Sie machen sich frei, und damit auch andere Frauen. Wer nochmal will den Frauen hier Vorschriften machen, wer sagt ihnen, was sie anziehen dürfen und was nicht, wie hoch ihre Absätze zu sein haben? Niemand, sagt Beaven. Merci.


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