Film Retrospektive

Die zweite Welle: Pialat - Außenseiter im Zentrum

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 10/16 vom 09.03.2016

Auf heroische Epochen der Filmgeschichte folgen in der Regel solche der Restauration. Geradezu reflexhaft schlägt die Industrie zurück. Nach dem ersten Anbranden der Nouvelle Vague gab es in Frankreich jedoch kein Zurück mehr. Begünstigt durch die von Kulturminister André Malraux 1958 angestoßene Reform der Filmförderung brach ein wahrer Tsunami los: Bis 1962 erhielten sage und schreibe 162 junge Filmemacher die Chance zu ihrem Kinodebüt.

Auch für Maurice Pialat fanden damals die Galeerenjahre ein Ende, in denen er sich unter anderem als Vertreter von Schreibmaschinen durchschlagen musste. Im Fahrwasser der Neuen Welle drehte er kurze Spielund Dokumentarfilme. Auf die Idee, den Anschluss zur Bewegung zu suchen, wäre der widerspenstige Choleriker gewiss nie gekommen. Aber die Vorstellung, dass mit dem Autorenfilm das Medium nun zu einem Feld des persönlichen Ausdrucks werden konnte, beflügelte ihn. So besitzt es keine Ironie, dass François Truffaut 1968 als Co-Produzent seines Langfilmdebüts "Nackte Kindheit" fungierte. Der Kreuzweg seines Fürsorgezöglings unterscheidet sich nicht nur durch den ländlichen Schauplatz, sondern auch durch die dokumentarische Schonungslosigkeit von Truffauts Chroniken des Heranwachsens. Die Szene, in der der renitente Zehnjährige seiner garstigen Pflegemutter zum Abschied ein Geschenk macht, ist herzzerreißend.

Fortan war Pialat zugleich Außenseiter und zentrale Figur des französischen Kinos. Kaum ein anderer Regisseur hat die eigene Wut und Verzweiflung, seine inneren Konflikte und Zerrissenheit so unmittelbar ins Kino hineingetragen wie er. Er war ein genialer Erfinder von Titeln ("Wir werden zusammen nicht alt","Mach erst mal Abitur"), denen die Filme mindestens ebenbürtig sind.

Bis 6.4. im Österreichischen Filmmuseum


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