Vor 20 Jahren im Falter

Die Verrohung

Wie wir wurden, was wir waren

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 10/16 vom 09.03.2016

Michael Köhlmeier stattete dem Falter seine lang erwartete Pflicht ab und schrieb einen großen Kommentar zur Selbstvergewisserungs-Serie "Österreich" im Falter. Wer will wofür sterben, fragte Köhlmeier sich und uns, und er gab gleich ein paar Antworten. Dass es gut sei, dass niemand für sein Land sterben wolle. Dass das Land aber sterbenslangweilig mache. Außerdem übersehe man, dass so viele Leute für etwas stürben wie nie zuvor in der Geschichte. "Worum geht's eigentlich?" Diese Frage ließ Köhlmeier unbeantwortet stehen.

Das Feuilleton brachte ein großes Interview mit dem Filmregisseur Martin Scorsese. Groß war damals wirklich groß, vier Seiten Köhlmeier (mit Titelblatt fünf), vier Seiten Scorsese. Und der Chefredakteur? Der hatte andere Sorgen.

Er echauffi erte sich darüber, dass Jörg Haider ihn im Fernsehen zitiert hatte, wohin er bis dato nicht vorgelassen worden war. Er schrieb: "Ich habe ja nichts dagegen, von Haider beworben zu werden, solange es meinen Marktwert und damit die Bekanntheit des Falter steigert. Es führt möglicherweise eines Tages sogar dazu, dass der ORF sich erkundigt, wer jener Thurnher denn sei, den el mínimo líder (so nannte der Chronist den F-Führer) dauernd zitiert, und er auf die Idee kommt, ihn lebend und sprechend auf dem Bildschirm auszustellen. Andererseits dränge ich mich nicht vor, zahlreiche andere bedeutende Publikationen haben ein älteres Recht, im Fernsehen vorzukommen, während den Falter sowieso schon jeder kennt und ich ja noch jung bin."

Ich dankte Haider für das Zitat, aber: "Eines sage ich mit aller gebotenen Deutlichkeit: Wenn Sie mich zitieren, wahren Sie gefälligst die Form, oder lassen Sie's bleiben. Sie haben mich per ,Armin Thurnher, Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung Falter' zu adressieren, und nicht per ,da Thurnher'. An derlei Verrohung der Umgangssitten möchte ich keinen Anteil haben. Und wenn Sie demnächst Ihren Freund Staberl treffen, richten Sie ihm aus, es bleibe dabei, im Übrigen sei Herr Chefredakteur Thurnher der Meinung, die Mediaprint müsse zerschlagen werden."


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