Nüchtern betrachtet

Der Vormittag des ersten Samstags im März 2016

Klaus Nüchtern berichtet aus seinem Leben. Die Kolumnen als Buch: www.falter.at

Feuilleton | aus FALTER 10/16 vom 09.03.2016

Den Angehörigen meines Geschlechts wird - meist vom anderen -gerne "Bindungsunfähigkeit" nachgesagt. Ich hingegen bin das bindungsfroheste Kerlchen, das man sich vorstellen kann. Sehe ich jemand, der mir sympathisch ist - zack, Bindung! Ich zögere, den Brillenladen zu betreten, wenn "mein" Optiker nicht da ist; ich bedauere, wenn "meine" Fußpflegerin aus der Karenz nicht mehr zurückkehrt; sogar "mein" Fischhändler geht mir ab, obwohl ich als Fischallergiker naturgemäß nie Fisch kaufe, aber mit dem Alpenlachsmann ein Schwätzchen über Henry James halten kann. Nun ist der allerdings in Neuseeland und ich komme mir sehr provinziell und unglamourös vor.

Am vergangenen Samstag ist wenigstens der Meibedeschi nach zweimonatiger Absenz auf den Markt zurückgekehrt. "Waren S'auf Urlaub oder haben S'a Haus baut?", frage ich ihn. Und der Meister des bedächtigen Schinkenaufschneidens sagt zur Frau mit der Frisur, die das Brot verkauft: "Er fragt, ob i auf Urlaub war oder a Haus baut hab."


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige